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Blaulicht Winser angeklagt: Ungereimtheiten in Sex-Prozess
Celle Blaulicht Winser angeklagt: Ungereimtheiten in Sex-Prozess
16:15 20.10.2016
Winsen (Aller)

Als am 21. Dezember 2007 die 61-jährige Bürokauffrau spätabends von der Arbeit heim kam, dröhnte aus dem Haus in Winsen laute Musik und der Partner tanzte. "Habe mich zurückgezogen, um in einem Buch zu lesen", sagte sie im Schwurgerichtssaal. Als die Party nach mehreren Stunden endete und der Freund seelenruhig schlief, ging die Frau ins Wohnzimmer und beschallte ihrerseits die Räume mit Schlagern.

Der Lebenspartner war um seinen Schlaf gebracht. Das Paar, das seit 2002 zusammenlebte, geriet in heftigen Streit. Unvermittelt schlug der gelernte Maler der Freundin ins Gesicht, schleifte sie durch die Wohnung bis ins Schlafzimmer. "Wehr Dich, dass macht mich geil" - diesen Satz soll der Partner mehrfach gesprochen haben. Zwei weitere sexuelle Übergriffe sollen sich im Januar 2008 und am 17. Februar 2008 ereignet haben.

"Für den Angeklagten geht es hier um viel", appellierte der Vorsitzende Richter Franz Kompisch an die Zeugin. Der Akteninhalt ist mit zahlreichen Widersprüchen gespickt. Da ist die Sache mit der Anzeige. Die Polizei erfuhr erst dreieinhalb Jahre später von den Übergriffen. Nicht durch die Nebenklägerin selbst, sondern von einer Bekannten des Beschuldigten. Beide Frauen trafen sich um die Jahreswende 2009/2010 das erste Mal, fassten Vertrauen, um gegen den inzwischen verhassten Freund wegen Unterschlagung vorzugehen. Während der Anzeigenaufnahme ging es dann auf einmal um Vergewaltigung. Warum so spät? Die 61-Jährige argumentierte damit, dass bei derartigen Straftaten wenig Beweismittel vorliegen. Richter Kompisch beeindruckte das wenig, auch der Punkt, warum die Beziehung, die schon 2005 vor dem Aus stand, so lange künstlich am Leben gehalten wurde, ließ in seinen Augen mehr Fragen als Antworten zurück.

Da der Maler vor Gericht nichts sagt, muss die Strafkammer die Indizien abwägen und zu einem Bild zusammensetzen. Verteidiger Kurt-Peter Bulang trug in Absprache mit seinem Mandanten seine Sicht auf die Dinge vor und sprach in einer kurzen Erklärung von Übergriffen "übelster Art". Demnach sei die Gewalt von der Nebenklägerin ausgegangen. Sie habe den Lebensgefährten mit Schlägen und Tritten attackiert. Außerdem gab es Alkoholexzesse. Die Bürokauffrau sei einmal orientierungslos aus dem Liegestuhl gefallen und habe sich betrunken ins Auto gesetzt. Darauf angesprochen wies die Geschädigte alles von sich. Sie gestand lediglich, Bier, das in der Garage lagerte, weggeschüttet zu haben.

Die Hauptverhandlung wird fortgesetzt, das Urteil wird für den 26. Oktober erwartet.

Von Benjamin Reimers