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Blaulicht Zwei Jahre auf Bewährung für Raubüberfälle in Celle
Celle Blaulicht Zwei Jahre auf Bewährung für Raubüberfälle in Celle
18:31 26.07.2017
Bevor die Beschuldigte den Schlagstock zückte, trank sie in der Kneipe nur ein Glas Cola. Quelle: Timur Emek
Celle Stadt

In einer Kneipe an der Bahnhofstraße trank die Cellerin den Abend über ein Glas Cola für zwei Euro. Sie erzählte, den letzten Zug nach Hannover verpasst zu haben und unterhielt sich angeregt mit Personal und Gästen. Nach und nach leerte sich die Theke. Plötzlich gegen ein Uhr schlug die Stimmung um. „Ich überfalle Dich jetzt“, rief die Besucherin plötzlich. Die Inhaberin hielt das anfänglich für einen Scherz. Doch als sie den Schlagstock vor sich erblickte, realisierte die 69-Jährige, in welcher gefährlichen Situation sie steckte. Zwischen beiden begann eine Rauferei, die nach Aussagen der Geschädigten rund 20 Minuten dauerte.

Nicht weniger trickreich, der nächste Coup im Französischen Garten. Die Beschuldigte sprach eine 94-Jährige unter dem Vorwand an, 50 Cent wechseln zu wollen. Um in den Besitz des Portemonnaies zu gelangen, entwickelte sich ein kurzes Gerangel, bei dem die alte Dame stürzte und die Angreiferin die Flucht ergriff.

Im polizeilichen Führungszeugnis standen bis jetzt drei Vorstrafen. Wegen Diebstählen und Betrug verurteilte das Amtsgericht Celle sie bereits zu Geldstrafen.

Die elfte Große Strafkammer wertete beide Taten als eine Art inoffizieller Hilferuf. Richterin Silja Precht setzte sich bei ihrer Analyse ausführlich mit dem Lebenslauf der Angeklagten auseinander. Die Cellerin wuchs zusammen mit ihrer Mutter und den fünf Halbgeschwistern unter „schwierigen Bedingungen“ am Stadtrand auf. Sie erreichte dennoch die mittlere Reife und schloss erfolgreich die Ausbildung zur Konditorin ab. Das Arbeitsklima in einem Celler Café gab ihr den Halt.

Auch privat hielt die Glückssträhne an. Eine feste Beziehung und die Vorfreude auf Nachwuchs waren Wegmarken für eine bessere Zukunft. Doch plötzlich zerstörte ein schwerer Verkehrsunfall die heile Welt. Das ungeborene Kind verstarb. Für die Frau brach eine Welt zusammen. Der Lebensgefährte hielt es zu Hause nicht mehr aus und trennte sich. Den Arbeitsplatz kündigte sie wegen schwererer Depressionen.

Die 46-Jährige begann zu spielen und tingelte über viele Jahre von Casino zu Casino. Als ihr Konto tief rote Zahlen verzeichnete, lernte die Beschuldigte einen neuen Freund kennen. Beide zogen schnell zusammen und bekamen eine Tochter. Doch die Beziehung zum Fernfahrer zerbrach schnell, da die Alkoholsucht ein Zusammenleben unmöglich machte.

Von Benjamin Reimers