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Gericht "Dann gibt es auf die Fresse": Urteil in Celler Bestechungsprozess gefällt
Celle Gericht "Dann gibt es auf die Fresse": Urteil in Celler Bestechungsprozess gefällt
18:51 08.10.2015
Im Justizprüfungsamt arbeitete Richter Jörg L. bis zu seiner Festnahme. Jetzt sitzt er für fünf Jahre in der JVA Bremen.  Quelle: Peter Müller (Archiv)
Celle Stadt

Vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist der amerikanische Traum. Am Donnerstag wurde vor dem Amtsgericht Celle Ralf H. zu einer Bewährungsstrafe von sieben Monaten verurteilt. Sein Lebenslauf liest sich so wie der „deutsche Traum“. Der Vater verlässt die Familie früh, die Mutter ist alkoholkrank. Weil die sich später aufhängt, wächst H. bei der Großmutter auf, die ebenfalls alkoholkrank ist.

„Zu Hause habe ich kein Lob bekommen, also habe ich das anderswo gesucht“, erklärte der Angeklagte. Sein Abitur schloss er mit 1,2 ab und auch beim Kampfsport war er sehr engagiert. Nachdem er bei der Bundeswehr war, wurde er Versicherungskaufmann. Das habe ihn aber „geistig unterfordert“, wie er vor Gericht zu Protokoll gab. Deshalb begann H. mit dem Jurastudium.

Auch dort hatte er zunächst Erfolg und bestand das erste Staatsexamen. Als er aber beim ersten Versuch, das zweite Staatsexamen zu bestehen, durchfiel, wurden seine psychosomatischen Schmerzen stärker. „Ich habe noch vor dem Frühstück Tilidin genommen und am Abend war die Packung leer. Die Ärzte haben mir auch Morphium verschrieben, aber das habe ich nicht vertragen“, so der Angeklagte.

In diesem Stress kam H. das Angebot des Richters Jörg L. gerade recht. „Endlich konnte ich nur mit leichten Schmerzmitteln in eine Prüfung gehen“, so der Angeklagte. Der Richter wurde auf den Referendar im Rahmen des Ergänzungsvorbereitungsdienstes aufmerksam und hörte sich dessen Probleme an. Mit seiner Prüfungsangst passte der Kampfsportler perfekt ins Kundenschema des Richters. L. sagte aus, er habe sich mit SMS „vorsichtig herangetastet“. Der Angeklagte sei nach kurzer Fassungslosigkeit auf das Geschäft eingestiegen. „Plötzlich war mir klar, wie Kommilitonen, die ich für nicht so intelligent halte, so gute Noten bekommen konnten“, sagte H.. L. habe ihn gefragt: „Was denken Sie eigentlich, warum die ganzen dummen Blondchen ein Prädikatsexamen haben?“ Die blonde Staatsanwältin würdigte diesen Satz keines Kommentars. Sie zeigte sich in ihrem Plädoyer aber „fassungslos, dass sich schlaue Menschen in so eine Abhängigkeit begeben“.

Das Geld wurde schließlich in der Celler Bar „Cellkern“ übergeben. Für drei Klausuren will H. 10.000 Euro, versteckt in einem Computerspiel, bezahlt haben. Der mittlerweile zu fünf Jahren Gefängnis verurteilte Richter spricht von 2000 Euro. Weitere 8000 sollten fließen, wenn das Examen bestanden ist. Beide sind sich aber einig, dass der Kampfsportler gedroht hat: „Wenn du mich über den Tisch ziehst, dann gibt es auf die Fresse.“ Soweit kam es aber nicht, und H. lebte seinen „Deutschen Traum“ vom Waisenkind zum Anwalt. Diesen Beruf wird er nach der Verurteilung nicht mehr ausüben können.

Von Alexander Hänjes