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Aus dem Landkreis Celler Nordkreis von Ärztemangel besonders betroffen
Celler Land Aus dem Landkreis Celler Nordkreis von Ärztemangel besonders betroffen
19:10 06.04.2018
Von Carsten Richter
Celle-Landkreis

Schulz ist auf dem Weg nach Hermannsburg. Hausbesuche stehen an. Während der Fahrt erzählt er aus seinem Leben. Dass er nach dem Tod seiner Frau alleinstehend ist. Und dass er gerne arbeitet. „Das habe ich immer gerne gemacht.“ Seit 57 Jahren ist er im Gesundheitswesen tätig. Ein Leben ohne seinen Beruf kann er sich nur schwer vorstellen.

In Zeiten des drohenden Ärztemangels werden engagierte Mediziner wie er, die noch lange nach der offiziellen Altersgrenze praktizieren, gesucht. Und Schulz ist im Landkreis Celle kein Einzelfall. Wie in ganz Deutschland nimmt auch hier die Zahl der Mediziner über 60 Jahre zu. Ein Problem, das in ländlichen Regionen ganz besonders ausgeprägt ist – der heutige Weltgesundheitstag widmet sich diesem aktuellen Thema. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto „Flächendeckende Gesundheitsversorgung“.

Interesse schon im Studium wecken

„Die Entwicklung macht uns große Sorgen“, sagt Bernhard Specker, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Dort ist man bemüht, den Trend aufzuhalten und mehr junge Menschen für den Beruf zu gewinnen. „Wir sind in intensiven Kontakten mit den Kommunen, um zu schauen, wo besonderer Bedarf ist“, sagt Specker. Interesse am Beruf des Allgemeinmediziners zu wecken, fängt schon an den Hochschulen an. An den Universitäten Hannover und Göttingen gibt es inzwischen eigene Institute für Allgemeinmedizin. Für Niederlassungen in unterversorgten Regionen bietet die KVN gemeinsam mit den Krankenkassen finanzielle Förderungen an, sie veranstaltet Weiterbildungen und eine Praxisbörse. „Dort vermitteln wir Kontakte. Wer beispielsweise Angestellte sucht, sich neu niederlassen oder eine bestehende Praxis übernehmen will, kann sich an uns wenden“, erklärt Specker.

Und dennoch: So richtig fruchten wollen die Bemühungen nicht. Immer mehr Praxen schließen, die medizinische Versorgung in den ländlichen Gebieten wird dünner. Auch in der Gemeinde Südheide ist das Problem nicht unbekannt. Erst seit dieser Woche haben im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Hermannsburg zwei Mediziner, die bereits im Ruhestand sind, ihre Arbeit wieder aufgenommen. „Es ist ein Kraftakt, Stellen neu zu besetzen. Es gibt kaum noch Bewerbungen“, berichtet Anja Knoop-Kausche, die Leiterin des MVZ. Die Situation verschärfe sich immer mehr, sagt sie. Die beiden Ärzte, ein Allgemeinmediziner und ein Internist, teilen sich nun eine Stelle – obwohl auch sie die offizielle Altersgrenze schon überschritten haben. „Sie springen ein, um die medizinische Versorgung sicherzustellen“, so Knoop-Kausche. Sie ist den Kollegen sehr dankbar, weiß aber, dass das keine langfristige Lösung sein kann.

Eschede: Hausärztebeide älter als 60

„Schon im Studium müssen Anreize geschaffen werden, sich als Landarzt niederzulassen“, sagt die MVZ-Leiterin. Häufig würden Stipendien angehende Ärzte allerdings dazu verpflichten, sich in dem Bundesland niederzulassen, in dem sie studieren. Gleichzeitig werde der Bürokratieaufwand für Mediziner immer größer, die Wochenarbeitszeiten dadurch länger, für die Patienten dagegen bleibe oft nur wenig Zeit. „Dabei sehe ich die Versorgung auf dem Land schon jetzt gefährdet“, sagt Knoop-Kausche.

Die Zahlen der KVN für den Landkreis Celle geben ihr Recht: Im Planungsbereich Celle-Nord, zu dem die Stadt Bergen sowie die Gemeinden Südheide, Faßberg und Eschede gehören, sind 10 von 22,25 Hausarztstellen mit Medizinern, die älter als 60 Jahre sind, besetzt – also knapp die Hälfte. In Bergen zum Beispiel sind die Hausärzte im Schnitt 59 Jahre alt. In Eschede haben beide Hausärzte bereits die 60 Jahre überschritten. Auch in Faßberg sind 3 von 4,5 Stellen mit Medizinern über 60 Jahren besetzt. In anderen Kommunen ist die Lage weniger dramatisch, doch auch hier besteht Handlungsbedarf, wenn sich der Ärztemangel in den kommenden Jahren nicht noch mehr zuspitzen soll.

Akutsprechstundebringt Entlastung

Beispiel Lachendorf: In der Samtgemeinde liegt das Durchschnittsalter der Hausärzte bei 57, ein Viertel ist älter als 60. „Die Versorgung ist bei uns vergleichsweise ordentlich, aber besser geht immer“, sagt Gemeindedirektor Jörg Warncke. Das heißt vor allem: Die Randgebiete der Samtgemeinde sind medizinisch schlecht versorgt. Mit der seit Juni 2017 bestehenden Akutsprechstunde hat die Gemeinschaftspraxis der Landärzte Lachtetal eine Lösung gefunden, wie mehr Patienten versorgt werden können. Bei drängenden Problemen können die Betroffenen morgens telefonisch einen Termin für denselben Tag vereinbaren – zu festgelegten Zeiten werden sie dann behandelt. „Wir sind angenehm überrascht, wie gut das klappt“, sagt Allgemeinmediziner Dr. Heiko Ullrich. In der Grippezeit haben Patienten höchstens 45 Minuten warten müssen, vorher waren es anderthalb bis zwei Stunden. Mehr Geduld müssen die Erkrankten nur mitbringen, wenn umliegende Praxen Urlaub haben. „Dann brennt hier der Busch“, sagt Ullrich.

Kreative Ideen sind also gefragt, um dem Landarztmangel Herr zu werden. Vielleicht hilft auch die unbändige Freude am Beruf, wie sie Knut Schulz aus Unterlüß zeigt. Obwohl er derzeit der einzige Landarzt in Unterlüß ist, da sein Kollege erkrankt ist. „Zu vielen Patienten habe ich ein enges Verhältnis“, sagt er. Noch stellt sich die Frage nach einem Nachfolger nicht. „Zwei Jahre möchte ich noch arbeiten“, erzählt Schulz.

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