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Aus dem Landkreis Der ökumenische Nothelfer aus Unterohe
Celler Land Aus dem Landkreis Der ökumenische Nothelfer aus Unterohe
17:00 20.12.2018
Ein Beispiel gelebter Ökumene am Heiligen Abend zeigt die Karikatur zur fiktiven Weihnachtsgeschichte von Wolfram Goertz. Quelle: Ulrich Frassl
Faßberg

Josef Ehlers guckte in die Röhre. Der Küster von St. Ludgerus in Lutterbostel stand im Gewölbekeller der Pfarrkirche und kramte in allen Schränken. Doch fand er nicht, wonach er suchte, und das machte ihn stutzig. „Wo habe ich ihn Fronleichnam bloß hingestellt?“

Unterlüßer Küster vertritt kranken Kollegen über Fronleichnam

Ihn interessierte der Karton mit Weihrauch, den er in einigen Tagen für die Weihnachtsgottesdienste benötigen würde. Auf einmal kam ihm die Erleuchtung: Er selbst hatte ihn nirgendwo hingestellt, weil er über Fronleichnam zwei Wochen mit Bronchitis krank im Bett gelegen hatte. Der Küster aus Unterlüß, Herr Billering, hatte ihn damals vertreten, muffig allerdings und sehr unwillig.

Weihrauch "Laudate" aus dem Oman

Da schob Ehlers in einem Regal zwei große Säcke mit Hostien (Modell „Felix Lingua“) zur Seite und fand, wonach er gesucht hatte. In der hintersten Ecke stand ein Karton mit dem Aufdruck: „Weihrauch ,Laudate‘, aus dem Oman. 5 kg.“ Der Karton war leer. Billering hatte offenbar die letzten Reste aus dem Ludgerus-Keller zu Fronleichnam gen Himmel schweben lassen, ohne jemandem zu sagen, dass neuer Weihrauch bestellt werden müsse.

Mischung aus Theo Lingen und Joseph Ratzinger

Nun stand Ehlers da wie ein begossener Pudel, es war Freitag vor Weihnachten, in drei Tagen würde ihn Pfarrer Matthiesen fragen, ob alles für die Christmette vorbereitet sei. Die Kirche würde wieder aus allen Nähten platzen, auch weil Matthiesen bekannt dafür war, dass seine Predigten bissig und witzig waren, manchmal sogar komisch, zugleich aber staats- und kirchentragend. Der Mann war sozusagen eine Mischung aus Theo Lingen und Joseph Ratzinger. Doch wenn am Altar etwas nicht klappte, konnte er fuchsig werden. „Der liebe Gott vergibt alles, nur keine Huddelei in der Sakristei“, hatte er mal sonntags vor dem Hochamt gedonnert, als sich die Messdiener lautstark über die Bundesliga-Ergebnisse vom Samstag und die Lage von Hannover 96 ereiferten.

Fachhandel für Kirchenbedarf hat noch geöffnet

Es war Freitag, 15.52 Uhr. Wo sollte Ehlers jetzt Weihrauch herbekommen? Den Kollegen aus Unterlüß würde er keinesfalls anrufen, der würde sich ins Fäustchen lachen. Vielleicht hatte ja die Schneverdinger Firma Beddies, Fachhandel für Kirchenbedarf, die St. Ludgerus seit Ewigkeiten belieferte, noch geöffnet. Vielleicht ging Frau Eberle, die gute Seele des Betriebs, selbst ans Telefon.

Ehlers suchte im Internet nach der Nummer, staunte wieder über das Angebot bei Beddies (sogar Prozessionslautsprecher gab es) und rief an. Und tatsächlich, Frau Eberle saß noch im Büro. Beide kannten einander seit Jahrzehnten, leider nur vom Telefon, wie Herr Ehlers stets dachte. Er hätte gern mal gefragt, woher ihr lustiger Dialekt stammt.

„Was bin ich froh, dass ich Sie an der Strippe habe“, freute er sich. „Machen Sie nicht bald Feierabend und freuen sich auf Weihnachten?“

„Ach, Herr Ehlers, viel gibt es da nicht zu freuen. Ich muss in zwei Stunden die Revision fertig haben. Dann wird der Laden bis Neujahr dichtgemacht“, erzählte sie.

Ehlers schilderte ihr die Lage. Frau Eberle, die Schwäbin in Niedersachsen, ahnte seine Not: „Und jetzt brauchen Sie ganz schnell Weihrauch?“

„Ja“, sagte der Küster. „Sonst zieht mir Pfarrer Matthiesen die Hammelbeine lang.“

„Hammelbeine gibt es nur zu Ostern“, scherzte Frau Eberle. Dann wurde sie pragmatisch: „Per Post klappt das nicht, ich bekomme das Paket ja nicht mehr weg.“

Tipp statt Datenschutz soll helfen

Plötzlich schien sie eine Idee zu haben, ihre Stimme wurde verschwörerisch. „Herr Ehlers, ich kriege jetzt ein Problem mit dem Datenschutz, doch kennen wir uns schon so lange, also egal. Wir bekommen regelmäßig überraschend große Weihrauch-Bestellungen von einem Privatmann.“ Sie machte eine verheißungsvolle Pause. „Aber so ganz privat ist der nun auch nicht. Das ist nämlich der evangelische Pastor Schlichtern aus Unterohe. Das müsste bei Ihnen in der Nähe sein. Der ist längst im Ruhestand. Trotzdem bucht er mehrmals jährlich die Sorte ,Jakobus‘. Was er damit macht, weiß ich nicht. Vielleicht feiert er ausschweifende schwarze Messen.“

Ein ökumenischer Notfall

Wieder kicherte Frau Eberle, und Ehlers musste sich eingestehen, dass er dieses Kichern über die Jahre liebgewonnen hatte. Wie Frau Eberle nur aussah?

„Ich gebe Ihnen jetzt die Telefonnummer von Pastor Schlichtern“, beschloss sie, „das ist ja ein ökumenischer Notfall.“

Ehlers bedankte sich herzlich. Zum Abschied sagte er: „Ich rufe Sie gleich noch an, liebe Frau Eberle, ob es geklappt hat, versprochen!“

Generalprobe für die Christmette mit allen Messdienern

Allerdings war ihm mulmig zumute. Konnte er Pastor Schlichtern einfach anrufen? Er kam nicht dazu, die Frage zu beantworten, denn es klopfte an seinem Küchenfenster. Draußen stand Pfarrer Matthiesen. „Herr Ehlers, wo bleiben Sie denn? Wir haben doch Generalprobe für die Christmette mit allen Messdienern. Ich hoffe, der Weihrauch dampft schon!“

Ehlers wurde schummrig vor Augen. Jetzt gab es keine Ausflüchte mehr, er musste beichten. Über die Konsequenzen mochte er gar nicht nachdenken, er wusste ja: Huddelei in der Sakristei ist Todsünde, das war Matthiesens Enzyklika.

Wieso ein Evangele Weihrauch bunkert

Der Pfarrer machte ein undurchdringliches Gesicht, als Ehlers ihm die Wahrheit schilderte. Dann holte Matthiesen tief Luft und sagte mit einem Schmunzeln: „Kann passieren. Geben Sie mir mal die Nummer, ich rufe Pastor Schlichtern an. Ist eine Sache unter Kollegen.“

Außerdem sprach Matthiesen aus, was beide dachten: „Sowieso würde mich mal interessieren, wieso ein Evangele Weihrauch bunkert.“ Matthiesen ging in die Kirche und wedelte mit dem Zettel: „Ich kümmere mich!“

In Krisensituationen wie ein Fels in der Brandung

Matthiesen war bekannt dafür, dass er in Krisensituationen wie ein Fels in der Brandung stand und gern selbst Hand anlegte. Vor zwei Jahren hatte sich am Tag vor Pfingsten im Kirchturm ein Glockenklöppel verkantet, es läutete nicht mehr, und die Glockenfirma in Uelzen hatte Betriebsferien. Da war Matthiesen mit einem riesigen Werkzeugkasten und einer langen Leiter in den Glockenturm geklettert und hatte unter Lebensgefahr den Klöppel selbst repariert. Dabei hatte die Glocke dermaßen seltsame Geräusche von sich gegeben, dass ganz Lutterbostel in Aufregung war. Metzger Jensen, ein frommer Mann und Mitglied des Kirchenvorstands, hatte sogar die Polizei alarmiert. Aber die fand im Glockenturm nur einen ölverschmierten Pfarrer im Blaumann.

Was das Telefonat betraf, hatte sich Matthiesen, der die Generalprobe mit den Messdienern ohne Gerüche absolvieren musste, für eine emotionale Strategie entschieden. „Lieber Herr Kollege“, begann er, „dieser Anruf ist ein Amtshilfeersuchen. Wir befinden uns in höchster liturgischer Not.“ Dann berichtete er. Für die Versündigung am Datenschutz bat er um Vergebung, es sei ja gewissermaßen Gefahr im Verzug gewesen.

Schlichtern begriff sofort. „Und ich soll aushelfen?“

„Ja, das wäre wunderbar. Sonst können wir Weihnachten ausfallen lassen. Wir kommen für alle Kosten auf. Und natürlich holen wir den Weihrauch bei Ihnen ab.“

„Och nee, lassen Sie mal, ich fahre morgen Nachmittag zu meiner Schwester nach Faßberg. Auf dem Weg bringe ich Ihnen genug Weihrauch nach Lutterbostel, dass Sie Weihnachten und Neujahr über die Runden kommen.“

Opulenten Baumkuchen bestellt

Matthiesen war platt, rief direkt in Haffmanns Backhus an und bestellte für den kommenden Tag einen opulenten Baumkuchen. Es sollte dem edlen Spender an nichts fehlen. Dann berichtete er seinem Küster von dem spontanen Nothelfer aus Unterohe. Ehlers war erleichtert und rief bei Frau Eberle an, aber es sprang nur der Anrufbeantworter an. Es war ja schon halb sieben.

Am nächsten Tag begrüßten die beiden Amtsbrüder einander herzlich und waren sofort ein Herz und eine Seele. Matthiesen hatte noch drei Jahre bis zum Ruhestand, Schlichtern war bereits 70. Aber glücklich über die freie Zeit war er nicht, das spürte Matthiesen.

Irgendwann rückte Schlichtern mit der Sprache heraus: „Ich bin ziemlich einsam. Meine Frau ist vor einigen Jahren an Brustkrebs gestorben, das habe ich bis heute nicht verwunden. Kinder haben wir nicht, und jetzt fahre ich nur ab und zu nach Faßberg.“

„Und was machen Sie mit dem ganzen Weihrauch?“, fragte Matthiesen behutsam.

Schlichtern holte für seine Erklärung etwas aus. „Ich habe den katholischen Gottesdienst wegen seiner Sinnlichkeit immer geliebt. Aber mein Vater war ebenfalls evangelischer Pastor, und der hätte es nicht verkraftet, wenn ich dem Luther von der Fahne gegangen und Katholik geworden wäre.“

„Und warum haben Sie im Gottesdienst auf Weihrauch verzichtet, obwohl Luther das nie verboten hat?“

Weihrauch in Psalm 141 ausdrücklich erwähnt

„Richtig, Weihrauch wird etwa in Psalm 141 ausdrücklich erwähnt. Mein Presbyterium war aber strikt dagegen. So habe ich ihn immer abends daheim entzündet, wenn ich privat mit Gott sprach. Das mache ich heute noch, das hat so etwas Heiliges.“

Da hatte Matthiesen eine geniale Idee. „Apropos heilig: Was machen Sie eigentlich Heiligabend?“

Würstchen, Kartoffelsalat, ein Glas Wein

Schlichtern zuckte mit den Schultern. „Da bin ich zu Hause, meine Schwester kommt. Wir legen das ,Weihnachts-Oratorium‘ auf und verhalten uns ruhig. Würstchen, Kartoffelsalat, ein Glas Wein. In die evangelische Kirche bei uns gehe ich nicht. Christmette um Mitternacht – da schlafe ich schon. Und in der katholischen Kirche singen alle schief, das liegt an der Orgel, die offenbar seit Jahren nicht mehr gestimmt wird.“

Ein unschlagbares Angebot für Heiligabend

Da machte ihm Matthiesen ein unschlagbares Angebot. „Wollen wir nicht Heiligabend die Christmette als Pontifikalamt bei uns in St. Ludgerus feiern? Sie machen die größte Weihrauch-Orgie Ihres Lebens, hinterher gehen wir zu mir, essen lecker, und Ihre Schwester bringen Sie bitte mit. Den Kartoffelsalat und die Würstchen gern auch. Sie können bei mir übernachten, ich bin ja auch allein und habe viel Platz.“

Schlichtern bekam große Augen. „Wie jetzt, Konzelebration? Darf ich auch Hostien verteilen?“

„Klar. Und möchten Sie nicht über das Thema Weihrauch predigen? Da sind Sie doch Experte!“

Schlichtern schluckte und konnte vor Freude nicht antworten. Tonlos murmelte er: „Gern!“

Eine denkwürdige Christmette

Die Gemeinde von St. Ludgerus erlebte eine denkwürdige Christmette. In seiner Begrüßung berichtete Matthiesen von der bizarren Ausgangslage mit der unerwarteten Weihrauch-Not, von der Firma Beddies in Schneverdingen und vom Telefonat mit Pastor Schlichtern. Private Details ließ er weg. Alle Augen richteten sich auf Schlichtern, der stolz neben Matthiesen am Ambo stand und bereits darauf wartete, gleich zum Evangelium die nächste Inzens anzurichten – und danach die Predigt zu halten.

Lutterbostels Kirchgänger waren von Matthiesens Weihnachtspredigten einiges gewöhnt, doch Schlichtern konnte ihm die Myrrhe reichen. Er begann mit der Herkunft des Weihrauchs und nannte ihn bald den ersten „Raumduft des Neuen Testaments“. Schlichtern wörtlich: „Die Ankunft der drei Weisen aus dem Morgenland war olfaktorisch für den Stall mit der Krippe das schönste Geschenk. Zwar war das Jesuskind der Sohn Gottes, doch sein Geruch widerlegte das Dogma von der unbefleckten Windel!“, rief Schlichtern, und alle in St. Ludgerus lachten. „Die Familie Jesu wurde königlich beweihräuchert.“

Weihrauch auch in Medizin eingesetzt

Schlichtern erklärte auch, welche Rolle Weihrauch mittlerweile in der Medizin spielt. Er helfe bei Entzündungen, Rheuma und Durchblutungsstörungen. Seine Predigt schloss mit den Worten: „Weihrauch ist, wie Psalm 141 sagt, ein fliegender und duftender Teppich für unsere Gebete zu Gott.“

Hinterher standen alle vor dem Kirchenportal, freuten sich über den gelungenen Coup und begrüßten den Prediger und Duftspender Schlichtern. Küster Ehlers stand ebenfalls dabei. Er gratulierte Schlichtern und hörte fast nicht mehr auf, die Hand des Gastes zu drücken.

So merkte er zunächst nicht, dass jemand auf seine Schulter klopfte. Als er sich umdrehte, sah er eine kleine Frau, die hinter einem großen Paket fast verschwand.

„Sind Sie der Herr Ehlers?“, hörte er eine Stimme fragen, die ihm bekannt vorkam. „Mein Name ist Eberle. Wir haben ja nicht mehr telefonieren können, und ich habe mir Sorgen gemacht. Da wollte ich Ihnen heute einfach den Weihrauch persönlich bringen, bevor etwas anbrennt. Leider stand ich in Wietzendorf im Stau. Wieder so ein Militärkonvoi. Als ich dann verspätet zur Mette ankam, da roch ich schon die Bescherung. Das mit Pastor Schlichtern hat also geklappt!“ Und wieder zwinkerte sie Herrn Ehlers zu. Im Hintergrund sah er jetzt auch den Lieferwagen stehen: „Fa. Beddies (Schneverdingen), Kirchenbedarf. Alle Konfessionen.“

In diese Situation platzte Matthiesens mächtiger Bariton: „Kinder, lasst uns zu mir gehen. So fromm kommen wir nie mehr zusammen.“

Leben in Matthiesens Hütte

Bald war Leben in Matthiesens Hütte. Er und Schlichtern fachsimpelten über das Verbindende und das Trennende ihrer Konfessionen. Frau Eberle und Pastor Schlichterns Schwester standen in der Küche, plauschten und machten die Würstchen warm. Herr Ehlers entkorkte die Weinflaschen und guckte immer wieder verstohlen zu Frau Eberle in die Küche hinüber.

Als sie ins Wohnzimmer kam, fragte sie: „Ich darf mich doch hoffentlich zu Ihnen setzen, Herr Ehlers?“ Der errötete vor Freude.

Es wurde ein stimmungsvolles Festmahl. Es roch nach Kartoffelsalat, Christstollen, Zimtplätzchen, Kerzen – und natürlich steckte noch Weihrauch in ihren Kleidern, Pastor Schlichtern hatte sie alle in der Kirche ordentlich eingenebelt.

So saßen sie bis weit nach Mitternacht beisammen, fünf Räuchermännchen aus Fleisch und Blut, die einander an diesem Heiligen Abend gefunden hatten.

Der Autor der fiktiven Geschichte, Wolfram Goertz, ist Kulturredakteur bei der Rheinischen Post in Düsseldorf und lebt zeitweilig in Faßberg.

Von Wolfram Goertz

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