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Aus dem Landkreis Gulasch 1945 und Soulfood 2015
Celler Land Aus dem Landkreis Gulasch 1945 und Soulfood 2015
16:31 21.12.2018
2015 auf dem Hof des Laurentius-Hauses: Elke Drewes-Schulz und ihr Ehemann Otmar Schulz mit fünf ihrer Schützlinge. Quelle: Uwe Schmidt-Seffers
Papenhorst

Weihnachten 1948: Meine Mutter brät zum ersten Mal in meinem Leben Gulasch – mit Zwiebeln und allen Gewürzen, die dazu gehören. Das hatte es vorher noch nie bei uns gegeben. Welch ein Geruch! Ich bin heute noch begeistert, wenn dieser Geruch von irgendwoher meine Nase streichelt. Ich bin sicher, das hatte auch mit unserer Situation damals zu tun. In diesem Geruch lag das Empfinden von Freiheit, von Sicherheit und Geborgenheit, von Neuanfang und großer Hoffnung. Das habe ich auch als Zehnjähriger bereits gespürt.

Mein Vater war Ende 1947 aus russischer Gefangenschaft zu uns nach Brandenburg heimgekehrt – als gebrochener Mensch zwar, aber er war immerhin wieder zu Hause! Uns war mit ihm im zweiten Anlauf die Flucht in den Westen gelungen. Es schien aufwärts zu gehen. Das alles lag in dem Geruch des Gulaschs von Weihnachten 1948 in einer kleinen Wohnung im Ruhrgebiet.

Fluchtversuch im Jahr 1945

Drei Jahre vorher, Ende April 1945 hatten wir vor dem Einmarsch der Russen fliehen wollen, wir: meine Mutter, meine Schwester – drei Jahre älter als ich – und ich – ich war sechs und würde im Mai sieben. Per Fahrrad Richtung Westen. Leichtes Gepäck, wenig Proviant im Rucksack, aber viel Angst im Nacken.

An der Elbe kamen wir nicht weiter. Es gab nur noch eine intakte Brücke und die war reserviert für deutsche Truppen auf dem Weg in amerikanische Gefangenschaft. Wir erlebten in kalten Mai-Nächten die Einschläge der Granaten aus den russischen Geschützen, die immer näher kamen.

Zurück in Brandenburg: HUngerwinter 1946

Es gab 1945 an der Elbe also keine Chance, in den Westen zu kommen. Wir zogen notgedrungen wie geprügelte Hunde zurück nach Brandenburg. Unsere Wohnung stand noch, wie wir sie verlassen hatten. Es kam der grausame Hungerwinter 1946. Meine Schwester und ich erkrankten an Typhus, Hungertyphus! Wochenlang hohes Fieber bis ins Delirium bei 41 Grad. Der Arzt hatte keine Medikamente. Meine Schwester starb, ohne dass ich es richtig bemerkte. Ich wurde auf wundersame Weise gerettet.

Vater kommt 1947 aus der Gefangenschaft heim

Ende November 1947 die erlösende Nachricht: Mein Vater kommt aus der Gefangenschaft. Als er sich etwas erholt hat, planen wir erneut die Flucht in den Westen. Kurz nach Vaters Rückkehr stolpern wir also stundenlang bei eisiger Kälte und in völliger Dunkelheit durch einen Wald, durch den angeblich die Ost-West-Grenze verlaufen soll. Der Mond weist uns den Weg. Als es hell wird, sind wir tatsächlich im Westen und fallen uns in die Arme.

Neuanfang im „Kohlenpott“

Mein Vater hat Verwandte im Ruhrgebiet. Da kommen wir zunächst unter. Wir leben mit anderen Flüchtlingen zu siebt in einem Zimmer. Ein Badezimmer samt Toilette für 12 Personen. Ich soll im Frühjahr 48 auf dem Gymnasium eingeschult werden, bin aber körperlich für den Schulweg zu schwach. In der Volksschule werde ich gehänselt – ich habe vom Typhus eine Glatze. Wir ziehen dann bald in eine Dachwohnung in einem sieben Familien Haus. Bergarbeiter. Nur eine Familie lehnt uns rundweg ab – „Flüchtlinge! Schrecklich!“, aber sie verhält sich still, weil die anderen auf unserer Seite sind. Die Schwerstarbeiter geben meiner Mutter Abschnitte von ihren Lebensmittelkarten, damit ich genug zu essen bekomme.

Und dann zu Weihnachten 1948 dieser unfassbare Geruch des frischen Gulaschs.

Ende des Krieges waren mehr als 12 Millionen Menschen geflohen, und hatten versucht , sich im Westen eine neue Heimat aufzubauen. Nicht immer wurden sie mit offenen Armen empfangen. Fachleute sagen, es hätte 30 Jahre gedauert mit der Integration, dem Heimisch Werden in der Fremde.

„Soulfood“ gegen Heimweh

Ende 2015: wir kochen mit Flüchtlingen aus Afghanistan und Syrien, aus Eritrea, Somalia und der Elfenbeinküste im Laurentius-Haus, dem Gemeindehaus unserer Kirchengemeinde in Nienhagen. „Soulfood“ – „Seelenspeise“. Ein unglaublich scharfer Geruch und Geschmack. Mit vielen für mich fremden Gewürzen. Es sind die Gewürze und Sprachen des Orients und auch die Afrikas. Wunderbar. Es wird viel gehustet nach dem Probieren der Sauce, aber auch viel gelacht.

Deutschkenntnisse vermittelt

Wir haben nicht nur gemeinsam gekocht. In erster Linie ging es darum, Deutschkenntnisse zu vermitteln. Sieben pensionierte Lehrerinnen, eine Kauffrau, die Lehrlinge ausgebildet hat, ein pensionierter Lehrer, meine Frau, die ihr ganzes Berufsleben lang unterrichtet hat, und ich. Alle im Ehrenamt. Anfangs unterrichten wir ohne Bücher, mit selbst erdachten Konzepten und aus dem Internet entwendeten Ideen, mit selbst finanzierten Heften, Bleistiften, Anspitzern usw. Es hat gedauert, bis unsere staatlichen Bildungseinrichtungen mit Unterrichtshilfen herauskamen. Viele Behörden, Verlage, Einrichtungen schienen einfach überrumpelt worden zu sein, völlig überfordert von der Zahl der Flüchtlinge.

2017 erste Angebote der VHS für Flüchtlinge

2017 etwa kamen dann die ersten Angebote der VHS, staatlich anerkannt und bezuschusst. Wir im Laurentius-Haus haben immer noch draufgezahlt, haben Flüchtlinge von auswärts mit dem Auto abgeholt und zurückgebracht, haben sie zu Ärzten und Behörden kutschiert, bis sie allmählich lernten mit dem Bus zu fahren und dafür auch nach und nach Tickets vom Sozialamt bekamen.

Alle "unsere" Flüchtlinge sind in Ausbildung

Eine lange Entwicklung führte zum heutigen Zustand. Alle „unsere“ Flüchtlinge besuchen heute staatlich anerkannte Ausbildungsangebote, einige gehen zur Schule. Etliche haben einen Arbeitsplatz. Unser spontan und über drei Jahre durchgezogener Deutschunterricht ist inzwischen überflüssig geworden. Für uns, genauer für meine Frau, blieben bis heute die ausschließlich Französisch sprechenden Leute von der Elfenbeinküste. Darunter auch Analphabeten.

Kleine Wunder bei der Arbeit erlebt

Bei unserer Arbeit und danach haben wir auch kleine Wunder erlebt: Da ist zum Beispiel ein Ehepaar aus Afghanistan. Der Ehemann und sein Bruder haben in Kabul zwei Optikergeschäfte betrieben. Sie durften aber hier zunächst nicht arbeiten. Das Job-Center weigerte sich, sie zu vermitteln. Als sie endlich den Landkreis verlassen durften, machten sich die beiden auf den Weg nach Hannover. Dort versuchten sie bei allen Optikern, einen Job zu bekommen. Und siehe da: der eine kam bei Fielmann unter, der andere bei Apollo. Sie schafften, was kein Job-Center vermochte. Inzwischen ist die Familie des Apollo-Menschen in eine selbst gefundene helle Wohnung nach Hannover gezogen. Vor drei Wochen haben sie uns zu einem Abendessen eingeladen als Dank für unsere Arbeit.

Wunderbarer Geruch durchzieht das Treppenhaus

Schon im Treppenhaus duftete es einladend. „Soulfood“. Der wunderbare Geruch wurde stärker, je höher wir stiegen. Welch ein Essen erwartete uns da! Mit Gemüsen und Früchten, die wir nicht kannten, vor allem aber mit ausgeklügelten Gewürzen! Meine Frau hat sich das Rezept mitgeben lassen. Die Köchin hat es geschafft, das Rezept aufzuschreiben, obwohl sie lediglich das Deutsch kennt, das sie bei uns gelernt hat. Sie kann erst zur Schule gehen, wenn die beiden Kinder im Kindergarten sind.

Großartige Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht

Wer so großartige Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht hat wie wir, wird sich sein Urteil über die Flüchtlinge sehr sorgfältig überlegen. Natürlich bleiben auch negative Erfahrungen nicht aus, aber das sind nur Kleckse auf dem positiven Gesamtbild. Vorurteile und Fehlurteile wachsen auf dem Feld der Ignoranz und Ahnungslosigkeit. Vor allem bei denen, die nie Kontakt zu Flüchtlingen hatten.

Klar, es gibt viel zu tun, gerade auch bei den Behörden, in denen wir vor allem auf gepflegte Ahnungslosigkeit gestoßen sind, auf fehlende Zusammenarbeit selbst innerhalb des eigenen Hauses. Einzelne dort Schaffende waren freundlich und guten Willens. Oft aber fehlte es an Informationen, an Sprachkenntnissen, an Kooperation mit anderen Behörden und Einrichtungen. Leider.

Übrigens: Von den bei uns lebenden 20 Millionen Migranten, Flüchtlingen und Zuwanderern stammen 12 Millionen aus Ost-Europa und der Türkei und lediglich acht Millionen aus Syrien, Afghanistan, den Magreb-Staaten und dem übrigen Afrika. Schon gut möglich, dass wir für eine einigermaßen gelingende Integration wieder 30 Jahre brauchen wie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ein Vergleich von 1945 und heute

Lässt sich nun aber die Flucht von 1945 vergleichen mit der heutigen Situation? Die Flüchtlinge und Vertriebenen von 1945 sprachen zum größten Teil Deutsch, verstanden sich als Menschen des jüdisch-christlichen Abendlandes und des entsprechenden Kulturraums. Die Flüchtlinge heute aus dem Nahen Osten und aus Afrika sprechen unsere Sprache nicht, unsere Sitten und Gebräuche sind ihnen fremd, sie sind größtenteils Muslime mit völlig anderen kulturellen Vorstellungen. Sie haben bisher ausschließlich im Patriarchat gelebt. Frauen hatten keine Rechte. Sie durften lediglich gehorchen, kochen und Kinder kriegen. Und nicht wenige Frauen sind dabei, sich hier zu emanzipieren, was nicht selten zu heftigen Konflikten in den muslimischen Familien führt.

Flüchtlingswellen nach 1945 und die von heute vergleichbar?

Sind also die Flüchtlingswellen nach 1945 und die von heute zu vergleichen? Sicherlich. Beide Male haben wir es mit Geflohenen und Vertriebenen zu tun. Menschen haben 1945 und heute all ihre Habe verloren, sie sind heimatlos und müssen ganz von vorn anfangen. Heute kommen Wirtschaftsflüchtlinge aus Ost-Europa, vom Balkan und auch aus Afrika hinzu.

Was wir dringend brauchen, ist Bildung und nochmals Bildung, da wären zum Beispiel weitere „Sprint“ – Klassen für Sprache und Integration, das heißt Unterricht über Land und Leute, Verhaltensmaßregeln, Sitten und Gebräuche, Achtung vor einander, vor allem vor Frauen und Mädchen und so weiter – das muss dringend gelehrt werden.

Probleme des Zusammenlebens lösbar

Ich halte die Probleme im Zusammenleben für lösbar, wenn auch nicht in zwei oder drei Jahren. Die Integration der Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg hat immerhin rund 30 Jahre gedauert. Und erste Ansätze zu einer gelingenden Integration sind bei den Flüchtlingen unserer Tage heute schon zu sehen, so wurden etliche von ihnen (rund 400.000) bisher in den Arbeitsmarkt integriert. Bis wir von gelungener Integration auf breiter Front sprechen können, werden aber sicher noch einige Jahre ins Land gehen.

Der Autor ist Theologe und Publizist und lebt seit vielen Jahren in Papenhorst.

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