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Aus dem Landkreis Landrat Klaus Wiswe: Wiederwahl wird kein Selbstläufer
Celler Land Aus dem Landkreis Landrat Klaus Wiswe: Wiederwahl wird kein Selbstläufer
02:27 07.08.2018
Klaus Wiswe (58) ist seit 1999 Landrat im Landkreis Celle. Der studierte Jurist ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Vor seiner Wahl hat er unter anderem in Landesministerien und kurze Zeit als Rechtsanwalt gearbeitet. Quelle: Benjamin Westhoff
Landkreis Celle

Ja, das ist eine gewisse Gefahr. Bei Europawahlen, wie sie parallel zur Landratswahl stattfinden, gibt es erfahrungsgemäß keine hohe Wahlbeteiligung. Umgekehrt wissen die Unterstützer des Gegenkandidaten, dass sie zur Wahl gehen müssen, damit überhaupt eine Chance besteht. Deshalb ist diese Wahl kein Selbstläufer, wie viele vielleicht denken.

Wann steigen Sie in den Wahlkampf ein?

Ich werde meine Arbeit als Landrat machen. So komme ich zu vielen Menschen in allen Kommunen des Landkreises. Einen Wahlkampf im klassischen Sinne werde ich nicht führen. Das liegt mir ohnehin nicht, kostet dazu viel Geld. Für große Wahlkampfveranstaltungen habe ich gar nicht die nötige Zeit. Zur Europawahl wird es aber einige Stände meiner Partei geben, an denen auch ich mit den Menschen ins Gespräch kommen möchte.

Kommen wir auf den ÖPNV zu sprechen. Was wird es den Landkreis Celle kosten, den Standard des Nahverkehrsplans umzusetzen?

Wir finanzieren den Schülerverkehr mit fast sechs Millionen Euro und das Geld geht überwiegend an die CeBus. Mit der Umsetzung des Nahverkehrsplans gibt es an vielen Stellen deutliche Verbesserungen, die allerdings kosten. Wir gehen von deutlich über eine Million mehr aus. Aber wenn ich einen attraktiven Landkreis haben will, muss ich etwas für die Mobilität tun, weil wir nicht mehr alle Angebote wie Schulen oder Ärzte an jedem Ort haben können.

CeBus, ja oder nein?

Ja, wenn sie die Voraussetzungen erfüllen.

Glauben Sie, dass das der Fall sein wird?

Es ist das erste Mal, dass wir eine solche Ausschreibung für den ÖPNV machen, die sehr umfangreich und komplex ist. Daher ist eine Prognose schwierig. Ich fände es gut, wenn CeBus auch zukünftig unserer Partner ist. Auch wenn das Unternehmen in der Vergangenheit manchmal massiv kritisiert wurde, im Großen und Ganzen arbeiten wir gut zusammen und CeBus kennt Land und Leute.

Ein wichtiges Thema ist auch der Großverkehr Hannover (GVH).

Jetzt gibt es nur für die Pendler am Bahnhof Celle den Zugang zum Großraumtarif. Das wollen wir auf Tagestickets und auch auf die Bahnhöfe Eschede und Unterlüß ausweiten. Dafür wollen die Verkehrsbetriebe fast 500.000 Euro jährlich, worüber wir jetzt verhandeln. Wenn wir aber die Attraktivität von Unterlüß und Eschede, also gerade des strukturschwächeren Teils des Landkreises, steigern wollen, dann ist die Anbindung an den Großraum Hannover sehr wichtig.

Nach Bergen gibt es noch keine Verbindung auf der Schiene. Wäre es aus Ihrer Sicht hinnehmbar, dass mehr Güterverkehr durch den Landkreis rollt, wenn Bergen angebunden wird?

Auf den Gleisen, die es bereits gibt, kann ich mir deutlich intensiveren Verkehr, egal ob Personen- oder Güterbeförderung, im jetzigen Zustand der Strecke nicht vorstellen. Es gäbe Probleme mit dem Lärm und der Nähe zur Wohnbebauung. Die Strecke müsste deshalb extrem ertüchtigt werden. Wenn die laufenden Untersuchungen ergeben, dass dies machbar ist und der Nutzen auch die erforderlichen Kosten rechtfertigt, dann ist das zu begrüßen.

Wir kommen zum Thema Bildung. Sind Sie eigentlich froh, dass Ihnen die Stadt Celle die Gesamtschule per Klage aufgedrückt hat? Sie waren ja kein großer Fan.

Die flächendeckend eingeführten Oberschulen haben viele Elemente von Gesamtschulen. Ich hätte mir gewünscht, dass die neuen Oberschulen mehr Zeit bekommen und die Anhänger von Gesamtschulen überzeugen können, dass es keiner zusätzlichen Gesamtschule bedarf. Wenn es aber Eltern gibt, die ihr Kind auf eine Gesamtschule schicken wollen, sollte man das akzeptieren. Viel wichtiger ist, dass es – und zwar an jeder Schule – gut ausgebildete, motivierte Lehrer und Lehrerinnen gibt, die den Kindern etwas beibringen und gleiche Schulabschlüsse auch wirklich gleich sind, egal ob auf Gesamtschule, Oberschule oder Gymnasium erworben. Als Schulträger sind wir für eine vernünftige Ausstattung aller Schulen ab Klasse fünf verantwortlich. Ich finde, das kriegen wir gut hin.

Im Moment wird auch viel über Inklusion geredet. Wie sehen Sie das Thema derzeit?

Es gibt Kinder, die besondere Fürsorge und Förderung brauchen. Manche nur wenige Jahre, manche länger. Unsere Förderschulen sind darauf eingerichtet, leisten hervorragende Arbeit. Das wissen viele Eltern und wählen ganz bewusst diese Schulen aus. Nun sollen die meisten Förderschulen abgeschafft werden und damit auch diese Wahlmöglichkeiten für Eltern. So kann man auch den freien Elternwillen abschaffen. Als Landkreis stehen wir zusätzlich vor dem Problem, dass die Regelschulen nicht oder nur begrenzt in der Lage sind, auf den Förderbedarf einzelner Kinder einzugehen. Es fehlen dafür schlicht die nötigen Lehrer. Im Ergebnis müssen wir den Kindern dann Schulbegleiter an die Seite stellen. Vor zehn Jahren haben wir dafür keine 100.000 Euro ausgegeben, jetzt kostet uns das rund 4 Millionen Euro im Jahr, mit steigender Tendenz.

Wie sieht es bei den Schulsozialarbeitern aus? Ihr Mitbewerber Gerald Sommer hat bereits angekündigt, dass er das zum Thema machen will.

Schulsozialarbeit ist Aufgabe des Landes. Wir haben die vom Land finanzierte Schulsozialarbeit mit Bundesmitteln, die dafür aber nur zwei Jahre zu Verfügung standen, stundenmäßig erweitert. Nun gibt es keine Bundesmittel mehr und wir können ja nun nicht Aufgaben des Landes finanzieren. Unser Geld brauchen wir für unsere Aufgaben.

Wir sind beim Thema Finanzen. Die Opposition fordert vier bis fünf Prozent weniger Kreisumlage, die Stadt will einen Rabatt von 50 Prozent für ihre Zahlungen.

Den die anderen Celler Kommunen mitfinanzieren müssten. Davon mal abgesehen: Wir halten uns bei der Berechnung der Umlage immer an die gleichen Zeiträume. Das wirkt sich zeitversetzt positiv oder negativ aus. Sinken die Einnahmen der Stadt, wird sie beim nächsten Mal auch weniger zahlen.

2015 endet die Vereinbarung mit den Kommunen. Gibt es dann eine Senkung der Umlage?

Die Vereinbarung war ja vor allem eine Selbstverpflichtung des Kreistags. Die meisten unserer Gemeinden haben steigende Einnahmen und deshalb steigt auch die darauf begründete Kreisumlage. Wenn das so bleibt – ich bin da optimistisch – werden wir über eine Senkung der Kreisumlage sprechen können, trotz unserer hohen Schulden durch die vielen Schulbaumaßnahmen.

Zum Schluss noch ein Wort zur Kreisverwaltung. Ihr Konkurrent möchte die Vorgänge transparenter haben und wünscht sich mehr Frauen in Führungspositionen.

Ich habe gelesen, dass er die Kreisverwaltung für hervorragend aufgestellt hält. Das freut mich, ist ja auch ein Lob für den Chef. Wir sind völlig transparent, müssen aber Datenschutz und Schutz der Persönlichkeitsrechte beachten. Wenn jemand hier Mängel sieht, dann möge er uns das bitte konkret sagen.

Aber Frauen in Führungspositionen haben Sie nicht sehr viele?

Deutlich mehr als früher. Wir wollen mehr Frauen in Führungspositionen bekommen. Unsere “firmeneigene“ Kinderkrippe ist deshalb gerade ein Angebot an unsere Mitarbeiterinnen, Beruf und Familie durch Kinderbetreuung am Arbeitsplatz unter einen Hut zu bringen und sich für natürlich häufig zeitlich anspruchsvollere Führungspositionen zu bewerben. Bei jeglicher Personalentscheidung, sei es ein neuer Dezernent, eine neue Amtsleitung oder in anderer Form, kommt immer die beste Bewerbung zum Zuge, unabhängig von Geschlecht oder Parteibuch. Und wir haben unseren Anteil an Frauen in Führungspositionen merklich gesteigert.

Von Tore Harmening