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Aus dem Landkreis Schicksale im Stundentakt
Celler Land Aus dem Landkreis Schicksale im Stundentakt
09:36 23.11.2018
Quelle: Anke Schlicht
Celle

Sabine Kellner hört sich die Frage gar nicht erst bis zu Ende an, die „Fachfrau für Soziales“ weiß bei den ersten Worten, worauf es hinauslaufen soll. Und die Antwort brennt ihr förmlich unter den Nägeln. „Seit 15 Jahren stelle ich das schon fest“, kommt sie der Bitte um eine Einschätzung von Tendenzen und Entwicklungen im sozialrechtlichen Bereich innerhalb der vergangenen fünf Jahre nach. „Früher kamen die Menschen mit Rücken, Herz oder Rheuma; heute sind es Burnout, Zittern oder Migräne. Jeder Dritte, der mich kontaktiert, klagt über Probleme dieser Art. Die psychischen Erkrankungen nehmen zu“, berichtet sie aus ihrem Arbeitsalltag.

Wenn der Lebensrhythmus aus dem Takt gerät

Sabine Kellner ist Sozialberaterin des SoVD-Kreisverbandes Celle. Seit 1989 arbeitet die gelernte Verwaltungsfachangestellte für den Sozialverband Deutschland (SoVD).
„Das gewohnte Leben kann sich ganz schnell wandeln – so etwas meldet sich nicht an“, sagt die Leiterin der Geschäftsstelle in der Residenzstadt. Krankheit, ein Unfall, eigene oder Pflegebedürftigkeit eines Angehörigen bringen den eingespielten Rhythmus zu Fall, führen zu Überforderungen. „Der Staat hält Hilfe bereit, aber häufig wissen die Ratsuchenden nicht, welche Möglichkeiten es gibt und worauf sie Anspruch haben“, erläutert Kellner. An dieser Stelle hilft der hauptamtliche Bereich des SoVD.

„Immer häufiger musste ich mich krankschreiben lassen, mir war das unangenehm gegenüber den Kollegen“, berichtet Klaudia Calenberg (Name von der Redaktion geändert). Eigentlich war ihre Tätigkeit ihr Traumjob. Doch die Arbeit fiel ihr zunehmend schwerer. Sie holte etwas ein, das sie jahrzehntelang verdrängt hatte. „Stress war bei mir immer da, schon in der Kindheit“, deutet die zurückhaltende Frau etwas an, das ihr Leben überschattet. Als Mädchen erfuhr sie Missbrauch, in der Ehe setzten sich Gewalterfahrungen fort. Klaudia Calenberg fällt es schwer, über den Anlass für die Kontaktaufnahme mit dem SoVD zu sprechen. Über Jahrzehnte hatte sie funktioniert, dann kam der Punkt, an dem sich die Seele meldete. „Ich konnte einfach nicht mehr zur Arbeit gehen.“

Celler Kreisverband hat 10.500 Mitglieder

Doch für die reguläre Rente war sie zu jung. Eine Freundin, die bei der Pflege ihres krebskranken Mannes vom Verband sehr gut unterstützt worden war, gab ihr den Tipp, zum SoVD zu gehen. Sie wurde eines der rund 10.500 Mitglieder des Kreisverbandes Celle und „Schützling“ der Geschäftsstellenleiterin. „Man muss sich ja öffnen, über Privates sprechen“, sagt Klaudia Calenberg. Bei Sabine Kellner fühlte sie sich gut aufgehoben. „Die Empathie ist neben Fachwissen ganz wichtig“, erklärt diese. „Manche Menschen haben Scheu, zu Behörden zu gehen.“ Der SoVD stellt ein gutes soziales Miteinander in den Vordergrund, was sich auch in der Beratungstätigkeit widerspiegelt. „Aber wir bekommen hier auch Frust mit“, ergänzt Kellner. Der Verband entscheidet nicht. Ansprüche auf sozialrechtliche Leistungen werden geprüft, fällt das Ergebnis negativ aus, bekommen die Sozialberater den Frust gelegentlich auch zu spüren. „Manchmal müssen wir Nein sagen, wir beraten sehr ehrlich“, erläutert Kellner.

Hilfe für Klaudia Calenberg

Doch vielen Mitgliedern kann das aus insgesamt fünf Mitarbeitern bestehende Team in der Geschäftsstelle des Kreisverbandes helfen. Für Klaudia Calenberg erreichte Kellner, dass sie vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden konnte, ohne finanziell zu hohe Einbußen zu erleiden. Zur Grundrente kommt eine Erwerbsminderungsrente hinzu, das Niedersächsische Landesamt für Soziales, Jugend und Familie gewährte einen Berufsschadensausgleich, und über einen Schwerbehindertenausweis verfügt Klaudia Calenberg nun auch.

Sabine Kellner „hat etwas durchbekommen“ für ein Mitglied. Ein Fall von vielen, er wird einfließen in ihren Vierjahresbericht, den sie zurzeit erstellt und den sie bei dem morgigen Kreisverbandstag vortragen wird. Alle vier Jahre wird ein neuer Kreisvorstand gewählt. Dieser betreut die ehrenamtlichen Aufgaben des SoVD. „Ein wichtiges Ereignis für uns“, erläutert Kellner, „sogar der Präsident Adolf Bauer wird da sein.“ Die Vorbereitung ist aufwändig, aber für Klaudia Calenberg nimmt sich Sabine Kellner dennoch Zeit. Die Art, wie diese ihre Dankbarkeit ausdrückt, gibt der Sozialberaterin Kraft für die Fälle, die aktuell und in Zukunft auf dem Terminkalender stehen. Kellner kommentiert: „Schicksale im Stundentakt.“

Von Anke Schlicht

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