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Bergen Ortsteile Ohne Schritte zurück ins Leben
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15:15 23.12.2011
Torben Kroll S¸lze Quelle: Isabell Prophet
Sülze

SÜLZE. Es passierte am Vatertag. Die Sonne brannte und Torben Krolls Leben wurde verändert. Für immer. Mit Freunden war er am Badesee gewesen, stand knietief im Wasser, sprang ins Tiefe. Schon als seine Freunde ihn aus dem Wasser zogen war ihm klar: Irgendetwas ging schief. Er hatte Schmerzen, er konnte sich nicht bewegen.

Sieben Monate später ist Torben wieder zu Hause. Er sitzt im Rollstuhl, erzählt nüchtern von jenem Tag. Ruhig sitzt er in seinem Rollstuhl. Von den Spastiken, er erwähnt sie ganz nebenbei, ist nichts zu sehen. Ein guter Vormittag, das geht auch anders. Manchmal durchzuckt es ihn nachts so heftig, dass sein wackeliges Krankenbett ihn kaum noch halten kann.

Aber immerhin: Er ist zu Hause. Nach Monaten in der Hamburger Unfallklinik in Boberg, wo die Ärzte versuchten, sein zerquetschtes Rückenmark zu retten - keine Chance. Der oberste Brustwirbel, C5 in den Kategorien der Mediziner, er verschob sich, als Torben auf eine Wurzel knallte. Der Wirbel brach, schob sich in das Rückenmark, brachte Nerven durcheinander. Deshalb die Spastiken, deshalb der Rollstuhl.

Torben kann froh sein, dass er sich überhaupt selbstständig fortbewegen kann, dass er überhaupt noch atmen kann. Daran hatten die Ärzte nicht geglaubt. Die Lähmung ist „tetra inkomplett“. Er kann seine Beine nicht bewegen, die Finger auch nicht. Die Motorik ist gestört. Gefühl ist da, das macht Hoffnung: „Man sagt, innerhalb der ersten zwei Jahre kann vieles noch besser werden.“ Danach sind die Chancen gering.

Am 12. Dezember kehrte Torben zurück in sein Elternhaus in Sülze. Seine Familie musste dafür einiges vorbereiten: Ein neues Schlafzimmer hat er bekommen, nun im Erdgeschoss und immer noch etwas spartanisch eingerichtet. Türkis-blaue Tapetenstreifen verzieren die weißen Wände, an einer Seite steht ein schmaler Tisch. In der Mitte steht ein Metallgestell, daran hängen Bänder und eine Matte. Dem Fenster gegenüber ist das Bett, wie ein Kinderbett sieht es aus. Viel zu kurz ist es, wenn Torben drin liegt, hängen seine Füße heraus. Die Ränder sind hoch – und fest montiert. „Es dauert fünfzehn Minuten, die Ränder abzuschrauben“, sagt Vater Frank Kroll.

Allein kommt Torben in das Bett gar nicht hinein. Sein Vater hebt ihn in das Gestell, den Lifter, und schiebt diesen dann an das Bett heran. Beim ersten Mal war die Überraschung groß - der Fuß des Lifters passt gar nicht unter das Bett. Krolls mussten es auf Holzklötze stellen. Die Krankenkasse IKK Classic kümmert das wenig, laut Aktenlage ist das Bett ja schließlich da, der Lifter auch. Eine Hebevorrichtung, die an der Decke angebracht wird und damit seinen Eltern viel Kraft und Arbeit erspart, gibt es - theoretisch. Aber nicht für Torben, nicht, wenn es nach der IKK Classic geht - Werbeslogan: „Da fühl ich mich gut.“

Der Rollstuhl ist nur geliehen, eine Firma in München baut ihm derzeit einen eigenen. Der geliehene ist schwergängig, aber immerhin funktioniert er. Es war ein wochenlanger Kampf mit der Krankenkasse, dass Torben seinen eigenen Rollstuhl genehmigt bekommt. Einen normalen Rollstuhl hatte die Kasse genehmigt. Nicht aber einen, wie ihn Torben dringend braucht. Speziell geneigt muss er sein, für die optimale Sitzhaltung und damit der Sülzer nicht herausfällt. Die Bremse muss für ihn greifbar sein - was bringt sie ihm sonst, wenn er sie mit tauben Fingern gar nicht nutzen kann? Dieser Kampf ist ausgefochten, doch er hätte fast verhindert, dass Torben sein Weihnachtsfest daheim feiern kann.

So viele Dinge gibt es, die Torben nach Ansicht der Kasse niemals wieder brauchen wird. Ein spezielles Schneidebrett zum Beispiel, damit er sich selbst etwas zu Essen machen kann. Vollkommen unnötig, in den Augen der IKK.

Von Isabell Prophet