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Bergen Stadt 18-Jährige wurde mit Messer fast enthauptet
Celler Land Bergen und Lohheide Bergen Stadt 18-Jährige wurde mit Messer fast enthauptet
18:07 31.10.2018
Von Christoph Zimmer
Der wegen Vollrauschs angeklagte Michael G. sitzt neben seiner Anwältin Louisa Krämer im Landgericht Lüneburg. Der 21-Jährige soll im März 2018 im LSD-Rausch seine 18-jährige Freundin in einem Berger Wohnhaus erstochen haben. Quelle: Philipp Schulze/Christian Link (Archiv)
Lüneburg

Weil er im Drogenrausch seine Freundin getötet haben soll, muss sich ein 21 Jahre alter Mann aus Bergen seit Dienstag vor dem Landgericht in Lüneburg verantworten. In einer zu Prozessbeginn für viele Beteiligte überraschend von ihm verlesenen mehrseitigen Erklärung berief sich Michael G. auf einen Filmriss zum Tatzeitpunkt. „Ich kann mich an nichts erinnern. Ich weiß nur, dass ich die Drogen niemals genommen hätte, wenn ich gewusst hätte, dass es zu so einer Tragödie kommen kann“, sagte er. Als er wieder zu sich gekommen sei, habe er überall Blut gesehen.

Den Tod der Freundin, mit der er zwei Jahre lang zusammen war, habe er zunächst nicht wahrhaben wollen. „Bis heute kann ich das alles nicht begreifen. Es zerreißt mir das Herz, was passiert ist. Ich habe sie geliebt und ich liebe sie immer noch“, sagte er unter Tränen. Auch er war verletzt, die Polizei fand in allen Räumen des Einfamilienhauses seine Blutspuren.

Es waren seine ersten Aussagen überhaupt in dem Fall. In den polizeilichen Vernehmungen hatte G. bislang immer geschwiegen. Er wisse, dass er den Tod seiner Freundin nicht ungeschehen machen kann. „Ich kann nur sagen, dass mir das Geschehene unendlich leidtut“, sagte er in Richtung des Vaters und der Schwester des Opfers, die in dem Prozess als Nebenkläger auftreten. Auch die Mutter ist Nebenklägerin. Sie war beim Prozessauftakt durch ihren Anwalt vertreten.

Das 18 Jahre alte Mädchen aus Hermannsburg war im März in Bergen im Elternhaus des Mannes getötet worden. Polizisten entdeckten die grausam verletzte Tote im Badezimmer. Der Angeklagte soll nach Ansicht der Staatsanwaltschaft am Abend des 20. März zunächst mit seiner Partnerin LSD konsumiert haben. Dabei soll er in einen akut psychotischen Zustand geraten sein und mehrfach zugestochen haben. Der junge Mann hätte nach früheren Erfahrungen mit Drogen die Folgen absehen müssen, meinte der Staatsanwalt.

Täter durchtrennte Hals des Opfers mit Messer

In der Anklage wurden zudem neue schockierende Details zur Tat bekannt. Demnach soll G. dem Opfer mit mindestens einem Messer den Hals fast komplett durchtrennt und ihr mit spitzen und stumpfen Gegenständen zahlreiche weitere Verletzungen am Körper beigebracht haben. In dem Haus fand die Polizei unter anderem zwei Messer mit Fingerabdrücken und Blutspuren des Angeklagten. Diese seien mit der Art der Verletzungen in Einklang zu bringen, sagte ein Kriminaltechniker der Polizei in seiner Aussage vor Gericht. Gemeinsam mit seinen Kollegen hatte der Beamte aus Celle sechs Tage lang nach Spuren am Tatort gesucht. „So eine immense Spurenlage habe ich noch nie erlebt“, sagte er weiter. In 17 Räumen des Hauses seien Blutspuren des Angeklagten gewesen.

In der Aussage des Angeklagten gab es dazu keine Erklärungen. Die Erinnerungen setzten erst lange nach der Einnahme des LSD wieder ein. „Ich hatte einen Filmriss von mehreren Stunden“, sagte G.. Danach habe er seiner Freundin eine WhatsApp-Nachricht geschrieben, „weil ich nicht wusste, dass sie da ist“. Er entdeckte sie schließlich im Erdgeschoss in der Badewanne in eine Decke eingewickelt. „Sie war ganz kalt. Deshalb habe ich warmes Wasser einlaufen lassen.“ Er habe „das Gefühl gehabt, dass sie noch bei mir sei“.

Angeklagt ist G. wegen vorsätzlichen Vollrauschs in Tateinheit mit Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Für den Tod der jungen Frau selbst sei er nicht zu bestrafen, hieß es in der Anklage. Es sei nicht auszuschließen, dass er schuldunfähig war. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, sich vorsätzlich in einen Rausch versetzt und in diesem Zustand einen Totschlag begangen zu haben. Der vorsätzliche Vollrausch wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe bestraft.

Angeklagter wollte sich angeblich mit Opfer verloben

G. habe vor dem LSD auch Marihuana genommen und sei sich über die Folgen nicht im Klaren gewesen, erklärte der Angeklagte. Er entschuldigte sich voller Reue und unter Tränen bei den Angehörigen des Opfers. „Das war der schlimmste Fehler meines Lebens. Ich werde ihn bis an mein Lebensende bereuen.“ Sie hätten schon einmal gemeinsam LSD genommen, sagte der Angeklagte.

Wir waren glücklich und wollten gemeinsam zu meiner Familie nach Russland reisen.

Michael G. , Angeklagter

Nie hätte die Droge eine solche Wirkung gehabt. Nach einer kurzen Trennung im Februar hätten sie sich schnell wieder versöhnt. „Wir waren glücklich und wollten gemeinsam zu meiner Familie nach Russland reisen.“ Dort wollte er sich nach eigenen Worten mit ihr verloben.

Wie sich die Einnahme von LSD allgemein auswirkt, hängt vom jeweiligen Konsumenten ab. „Eine pauschale Aussage ist nicht möglich“, sagte ein Pressesprecher des Landeskriminalamts Niedersachsen in Hannover im August der Celleschen Zeitung. „Die Substanz ist psychoaktiv und kann unter anderem Veränderungen der sinnlichen Wahrnehmung, bis hin zu Halluzinationen, hervorrufen.“

Anwältin der Nebenklage zweifelt an Vollrausch

Nach den Aussagen des Angeklagten äußerte Ute Rettel mit Blick auf die Spurenlage erhebliche Zweifel an der Annahme eines Vollrauschs. „Es gibt Widersprüche, die Fragen aufwerfen“, sagte die Rechtsanwältin aus Celle, die den Vater und die Schwester des Opfers in der Nebenklage vertritt, im Anschluss an die Verhandlung. Nach den Aussagen des Kriminaltechnikers sollen etwa nach der Tat die Rollläden der Fenster heruntergelassen und die Haustür verschlossen worden sein. Blutspuren von G. würden dies belegen.

Außerdem soll der Angeklagte nach der Tat geduscht und in einigen Räumen versucht haben zu putzen. „Das legt den Verdacht nahe, dass es sich bei den Aussagen um Schutzbehauptungen gehandelt haben könnte“, sagte Rettel. Zumindest passten diese Handlungen sowie die anschließende Flucht aus ihrer Sicht nicht dazu. Hinzu kommt, dass G. kurz nach der Tat noch eine WhatsApp-Nachricht an eine 18 Jahre alte Bekannte versandt und laut Chatprotokoll darin gefragt haben soll, was sie gerade so mache.

Wie Sylvester Stallone in "Rambo" präsentierte sich Michael G. vor der Bluttat auf seinem Facebook-Profil.

Bei der Familie des Opfers sei die Anklage auf Vollrausch wie bei Rechtsexperten auch auf Unverständnis gestoßen, sagte Rettel. „Sie haben schon mit einer Anklage wegen Totschlags gerechnet“, so die Rechtsanwältin. Ihnen gehe es am Ende aber weniger um die Strafe, als vielmehr um die Wahrheit. „Sie wollen wissen, was passiert ist. Sie wollen eine Erklärung für das Unfassbare.“ Für die Familie sei die Ungewissheit sehr belastend.

Der aus Usbekistan stammende Mann war nach eigener Aussage aus Angst und Panik zunächst zu seiner zuvor nach Russland gereisten Familie geflohen. Von unterwegs rief er bei der Polizei an. Als die Fahndung angelaufen war, kündigte er seine Rückkehr an und wurde an der polnischen Grenze festgenommen. Seit der Auslieferung an Deutschland sitzt er in Untersuchungshaft. Der Prozess wird am 5. November fortgesetzt.