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Bergen Stadt Becklingen: Ein Bahnhof weitab vom Ortszentrum
Celler Land Bergen und Lohheide Bergen Stadt Becklingen: Ein Bahnhof weitab vom Ortszentrum
15:21 09.08.2018
KLaus Liermann zeigt auf einen Stromanschluss als Überrest des früheren Bahnhofs Becklingen. Im Hintergrund die drei Linden aus der Anfangszeit Quelle: Udo Genth
Bergen Stadt

Nach langen Verhandlungen fasste der Kreistag Celle im September 1906 den Beschluss, die bereits bestehende Eisenbahnstrecke von Celle nach Bergen über Bleckmar, Wardböhmen und Becklingen bis nach Soltau weiter zu führen. Schwierig gestaltete sich die Festlegung des Standortes für den Becklinger Bahnhof. Besitzer von Land in Dorfnähe wollten sich nicht von ihrem Eigentum trennen, denn sie argwöhnten, die Eisenbahn verderbe den Grund und Boden. So wich die Bahngesellschaft aus und errichtete weitab von der Ortschaft den Bahnhof.

Die Strecke wurde am 17. April 1910 eingeweiht, der planmäßige Fahrbetrieb eine knappe Woche später aufgenommen. Schnell wurde den Bauern der Umgebung klar, dass ihnen die Landbesitzer mit ihrer Weigerung einen Bärendienst erwiesen hatten. Die lange Fahrt mit vollbeladenen Fuhrwerken auf der damals weitgehend unbefestigten Stra-ße zum Bahnhof war doch recht beschwerlich.

Um den Bahnhof herum siedelten sich nach und nach, jedoch sehr zögernd, einige Familien an. „Als ich hier zur Schule ging, standen nur drei Häuser, unseres hatten meine Eltern 1961 gebaut“, erinnert sich Klaus Liermann. Er wurde 1959 geboren, kam zwei Jahre später nach Becklingen und wohnt nun im elterlichen Haus direkt neben dem Schienenstrang. Interessanterweise bekamen die Häuser am Bahnhof Becklingen damals ihren Strom durch eine Überlandleitung aus Wardböhmen, berichtet Liermann.

Die Strecke von Celle nach Soltau bekam im und nach dem Ersten Weltkrieg sowie in den 30er Jahren mehrere Abzweigungen zu Einrichtungen der Wehrmacht. Kurz vor Kriegsende 1945 wurde der Militärverkehr auf der Strecke eingestellt, aber bereits einige Monate später wieder aufgenommen – diesmal allerdings für die Besatzungsmächte. In den 60er Jahren errichteten mehrere Landwirtschaftliche Genossenschaften an einigen Bahnhöfen Lagerschuppen, Waagen und Laderampen. Der Landhandel wurde zu einem bedeutenden Bahnkunden. Zuckerrüben- und Kartoffeltransporte brachten vor allen Dingen im Herbst ein hohes Verkehrsaufkommen. Klaus Liermann erzählt, seinerzeit sei es im Bahnhofsgebäude teilweise recht lustig zugegangen, wenn beispielsweise die Bauern in dem kleinen Gastraum abends die Verladung ihrer Ernte feierten. Doch bereits ein Jahrzehnt später begann die Abwanderung von der Schiene auf die Straße, 1995 kam das Ende der Bahntransporte für landwirtschaftliche Produkte.

Der Personenverkehr wurde bereits 1976 eingestellt, das Bahnhofsgebäude 1983 abgerissen. Heute ist der ehemalige Bahnsteig in Becklingen dick überwuchert. Lediglich ein verrottender Stromanschluss und drei stämmige Linden, die zur Einweihung gepflanzt worden waren, sind letzte Überbleibsel des einstigen Bahnhofs. Die Siedlung rundherum ist mittlerweile auf 42 Häuser angewachsen.

Von Udo Genth