Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Bergen Stadt Erinnerung im Wandel der Zeit
Celler Land Bergen und Lohheide Bergen Stadt Erinnerung im Wandel der Zeit
19:35 07.08.2018
Die niedersächsische Kultusministerin Frauk Heiligenstadt (im Hintergrund zweite von links) begleitet die Kränze der Landesregierung und des Landtages beim Gedenken in Bergen-Belsen. Quelle: Udo Genth
Bergen Stadt

Dem Thema Erinnerungskultur im Wandel der Zeit und der Arbeit der Gedenkstätte widmete Jutta Limbach ihre Gedenkrede zum 68. Tag der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen. „Es ist wohl richtig beobachtet, dass die 68er-Generation ihre Deutungshoheit des Zivilisationsbruchs einbüßt; auch, dass mit dem wachsenden zeitlichen Abstand der Zugang zur Geschichte des Holocaust ein anderer, weniger emotional-moralisierender und damit mehr rationaler ist”, sagte die ehemaligen Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes am Sonntag bei der Kranzniederlegung am Obelisken auf dem ehemaligen Lagergelände.

Weder die Kategorie der Schuld noch die der Reue stelle eine zwingende Aufforderung zum Erinnern gegenüber den jüngeren Generationen dar. Auch lasse sich ein Antifaschismus wie er in der DDR zu betrachten war nicht staatlich verordnen. „Zu Recht wird daher empfohlen, ‚Erinnerung der Vergangenheit‘ durch ‚Auseinandersetzung mit der Vergangenheit‘ zu ersetzen”, sagte Limbach.

Herausforderung sei immer wieder die Frage, wie ein solcher Rückfall eines Kulturvolkes in die Barbarei möglich war. Diese lasse sich nicht einfach mit dem Missbrauch staatlicher Gewalt durch die Nationalsozialisten beantworten. Es gehe auch um Komponenten wie des Wunsches nach einem starken Führer, der Obrigkeitshörigkeit, antisemitische und rassistische Vorurteile, nationalistischer Größenwahn und nicht zuletzt eines übersteigertes Selbstwertgefühl, die dabei eine Rolle gespielt habe.

„Der Massenmord in den Lagern wie in Bergen-Belsen ist ein furchtbares Exempel für das, was Menschen an Unmenschlichkeit möglich war”, sagte Limbach. Sie zitierte den Literatur- und Sozialwissenschaftler Jan-Philipp Reemtsma, als sie sagte, dass es nicht um Erinnerung gehe, sondern „um das Bewusstsein von einer Gefährdung, um ein Bewusstsein von der Zerbrechlichkeit unserer Zivilisation, die immer aktuell bleiben wird. Es ist das Verdienst der Stiftung niedersächsischer Gendenkstätten, dass sie das Wissen bereitstellt und durch weitere Forschungen vertieft”, so Limbach.

Die neue niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt, die mit ihrem Amt auch den Stiftungsvorsitz übernimmt, forderte in ihrem Grußwort ebenfalls, die Lehren von damals in der heutigen Zeit nicht zu vergessen: „Wenn wir uns der Ausgrenzung und ihrer Folgen im Nationalsozialismus erinnern, werden wir gemahnt, die Grundlagen für eine Gesellschaft der Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität zu bewahren. Wir müssen so handeln, dass wir diese Grundlagen mit Leben füllen, stärken und vor allen Anfeindungen schützen – und dies jeden Tag aufs Neue.”

Tore Harmening

Von Tore Harmening