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Bergen Stadt Interview mit Wolfsbetreuerin im Wildpark in Nindorf: "Der Wolf passt sich den Menschen an"
Celler Land Bergen und Lohheide Bergen Stadt Interview mit Wolfsbetreuerin im Wildpark in Nindorf: "Der Wolf passt sich den Menschen an"
13:01 06.08.2018
Von Maren Schulze
Tanja Askani mit den Wölfen im Wildpark Lüneburger Heide. - Die Tiere sind mit ihr vertraut, zeigen - aber dennoch ihr reguläres - Wolfsverhalten. - Im Wildpark in Nindorf-Hanstedt gibt es zu dem Thema spezielle Führungen. Quelle: Liba Radova
Bergen Stadt

Im Augenblick gibt es große Aufregung um Wölfe, die in Dörfern gesehen werden. Wie bewerten Sie das Verhalten dieser Tiere? Ist es ungewöhnlich oder gefährlich?

Das Verhalten ist eigentlich gar nicht so ungewöhnlich oder gefährlich, wie es berichtet und behauptet wird. Es ist normal, dass es in Gebieten, in denen Wölfe leben, immer wieder zu Begegnungen zwischen Wolf und Mensch kommt. Es werden vor allem Jungtiere gesichtet, die sich von Eltern abnabeln und frisch ihre Wolfsfamilie verlassen haben. Sie sind zu diesem Zeitpunkt noch unerfahren und unvorsichtig, was sich aber mit dem Erwachsenwerden ändert.

In dieser Sicht sind uns Menschen aus „Wolfsgebieten“ in Ostdeutschland weit voraus. Natürlich waren auch sie am Anfang bei solchen Begegnungen überrascht und verunsichert, aber inzwischen gehört es dort zum Alltag und kaum jemand kümmert sich darum oder regt sich darüber auf.

Was bewirkt die Nähe des Wolfes zum Menschen? Wie sehr wird er sich Ihrer Einschätzung nach auf die Menschen einstellen und wie wird der Alltag mit Wolf in Zukunft aussehen?

Der Wolf als Kulturfolger passt sich den Menschen von allein an. Unser Glaube, dass Wölfe zum Leben eine Wildnis brauchen, deckt sich nicht mit der Realität. Sie kommen auch in anderen Ländern mit Kulturlandschaften gut zurecht, warum sollte es in Niedersachsen anders sein? Konflikte mit Viehhaltern und Wölfen können durch geeignete Schutzmaßnahmen minimiert werden. Dass es auch in Deutschland möglich ist, zeigen langjährige Erfahrungen aus der Lausitz.

Beim Thema Jagd auf den Wolf gehen die Meinungen auseinander. Einige sagen, nur so sei es möglich, dem Wolf wieder Scheu vor dem Menschen beizubringen. Andere sind der Ansicht, diesen Effekt gebe es nicht. Wie sehen Sie das?

Der Wolf ist ein hochintelligentes Tier mit ausgeprägtem Langzeitgedächtnis. Positive wie auch negative Erfahrungen werden abgespeichert und weitergegeben, nicht nur an eigene Welpen sondern auch an andere Familienmitglieder. Das gehört zu seiner Überlebensstrategie. Am Vergrämen von sogenannten „auffälligen“ Wölfen ist also nichts auszusetzen, es ist nachhaltig und hat einen großen Lerneffekt. Ein toter Wolf dagegen ist für diese Lernprozesse nutzlos …

Viele Menschen haben Angst oder fragen, was erst passieren muss. Glauben Sie, der Wolf könnte zum Beispiel für Kinder zur Gefahr werden?

Wölfe leben in Deutschland seit Mitte der 90er Jahre und in den knapp 20 Jahren gab es keinen einzigen Fall, in dem ein Kind oder Erwachsener vom Wolf bedroht, angefallen, getötet oder verletzt wurde. Ich denke, allein diese Tatsache sollte als „Denkanstoß“ für alle Wolfsskeptiker dienen …

Statistisch gesehen passieren allein an deutschen Straßen rund 650 bis 700 Wildunfälle pro Tag. Es bleibt dabei nicht nur bei Sachschäden, viele Menschen, darunter auch Kinder, kommen ums Leben oder überleben mit bleibenden Schäden. Da müsste sich man eher fragen: Wie viele Kinder- und Menschenleben haben die Wölfe inzwischen schon dadurch gerettet, dass sie unsere Überpopulationen von Wildschweinen und Huftieren bejagen?

Müssen die Menschen ihr Verhalten im Wald verändern? Oder können sie sorglos weiterhin alles das machen, was sie bisher getan haben - Picknicks, Joggen oder Pilzesammeln?

Menschen können weiterhin das machen, was sie immer schon gerne gemacht haben. Nur Hundebesitzer sollten in Wolfsgebieten ihre Hunde angeleint lassen, um die Hunde nicht zu gefährden. Menschen gehören nicht zum Beutespektrum des Wolfes, Hunde können aber als Eindringling oder Konkurrent gesehen werden. Sie sind am sichersten in unmittelbarer Nähe zu ihren Menschen. Wenn sie ihre Lieblinge im Wald unter Kontrolle haben, werden sich auch andere Waldbewohner dafür bedanken.

Was passiert, wenn der Mensch die Nähe zum Wolf sucht oder Tiere anfüttert?

Ein Wolf ist ein Wildtier, das uns Menschen körperlich überlegen ist. Seine Nähe zu suchen macht genauso wenig Sinn wie eine Nähe zu Wildschwein, Rotwild oder anderen Wildtieren zu suchen. Wildtiere – egal ob Fleisch- oder Pflanzenfresser – sollen auch wild bleiben und ihre Fluchtdistanz beibehalten (können). Tiere, die von Menschenhand gefüttert werden, verlieren dieses natürliche Verhalten. Wir können keinen Respekt und keine Scheu von Tieren erwarten, wenn sie uns Menschen mit „Futterautomaten“ verwechseln.

Wenn Sie im Wald einen Wolf treffen würden – wie würden Sie sich verhalten?

Ich würde stehen bleiben, schauen und mich sehr freuen …