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Bergen Stadt Marlene Dietrichs Schwester in Bergen
Celler Land Bergen und Lohheide Bergen Stadt Marlene Dietrichs Schwester in Bergen
17:01 09.08.2018
Von Andreas Babel
Marlene-Dietrich-Biographie erschienen Quelle: Andreas Babel
Bergen Stadt

„Sie hatte dieselbe Figur wie Marlene Dietrich. Sie hatte denselben staksigen Gang wie ihre Schwester“, erinnert sich eine Bergerin, die viele Jahre die direkte Nachbarin von Elisabeth Will war. Die 85-Jährige möchte nicht, dass ihr Name genannt wird. Von Mitte der 50er Jahre bis zu ihrem grausamen Tod am 8. Mai 1973 lebte die Dietrich-Schwester im Obergeschoss eines alten Hauses am Kreuzweg 15 in Bergen. Die Adresse ist im Jahr 2003 von Christine Fischer-Defoy öffentlich gemacht worden. Ihr Band „Marlene Dietrich Adressbuch“ ist in der Berger Stadtbücherei vorhanden.

Die Dietrich war bereits 1937 aus Nazideutschland in die USA emigriert und eine entschiedene Hitler-Gegnerin. Sie zog sich in den letzten 15 Jahren ihres langen Lebens (1901 bis 1992) zurück, verließ die Pariser Wohnung nicht mehr. Die Schwester blieb in Deutschland und hegte offenbar Sympathien für die rassistische Weltanschauung der Nazis. Elisabeth Wills einziger Sohn Hans-Georg Will ist heute Mitte 80. Mit der Presse will er nicht sprechen. Zuletzt wohnte er in Düsseldorf. In Bergen hält sich das Gerücht, dass er nun auf Sylt lebt.

Der Mann von Elisabeth, Georg H. Will, war in den zwanziger Jahren unter anderem Direktor des Berliner Theaters „Tribüne“, in dem auch Marlene Dietrich aufgetreten ist. 1931 war er Geschäftsführer oder kaufmännischer Direktor des Kabaretts „Tingel-Tangel“, das Friedrich Hollaender geleitet hat. Zur Eröffnung war auch Marlene Dietrich als Gast dort und sang ein Lied. Wie die Nachbarin erfahren haben will, führten Georg H. und seine Frau Elisabeth anschließend ein Kino auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken.

Wann genau das Ehepaar mit dem Sohn nach Bergen kam, weiß offenbar niemand mehr genau, obwohl es noch einige Zeitzeugen gibt, die sich an Elisabeth Will erinnern können. „Früher wusste ganz Bergen, dass die Schwester von Marlene Dietrich hier wohnt“, sagt die Nachbarin. So berichtet eine 91-Jährige, dass Will nach 45 am Sülzweg in Bergen gewohnt hat, ehe sie spätestens 1955 an den Kreuzweg umzog. Vorher lebte das Paar mit seinem Sohn im Obergeschoss des großen Kinos auf dem Gelände der Kaserne von Belsen. Sie leiteten während des Krieges das Kino und eine Kantine, die auch von der Wachmannschaft des nur zwei Kilometer entfernten Konzentrationslagers besucht wurden. Während dieser Zeit soll die Will Französisch-Unterricht erteilt haben, erinnert sich eine 85-jährige Belsenerin.

Marlene Dietrich und ihre Schwester haben bis zum Tod miteinander korrespondiert. Elisabeth Will hat sich immer der Presse verweigert, auch der Sohn will nicht mehr „in den alten Sachen rumrühren“, wie er Werner Sudendorf, Leiter der Sammlungen Deutsche Kinemathek (Museum für Film und Fernsehen) in Berlin auf Anfrage der CZ mitteilte.

Das Ehepaar ließ sich nach Kriegsende scheiden. Er ging nach Hannover, wo sich seine Spur verliert. 1926 hatte Elisabeth Will im Alter von 26 Jahren „einen ungehobelten Kerl“ geheiratet, „wie ihn die Familie immer nannte“ und einen Sohn geboren, den niemand auch nur erwähnte“, schreibt Maria Riva, Marlene Dietrichs einzige Tochter, in ihrem Buch, das eine Abrechnung mit ihrer Mutter ist. 1937 hätten die Schwestern mit ihren jeweiligen Einzelkindern zum letzten Mal einen gemeinsamen Urlaub in Österreich verbracht.

Nach Kriegsende eilte die Dietrich in Panik nach Bergen-Belsen, weil sie glaubte, ihre Schwester unter den KZ-Häftlingen zu finden. Als sie sah, welcher Film hier wirklich gespielt wurde, erwähnte sie die Schwester öffentlich nicht mehr, unterstützte sie aber zeitlebens.

„Sie haben uns, wie Du weißt, die Wohnung genommen, das Fallingbosteler Kino (Anmerkung der Redaktion: Damit ist das Belsener Kino gemeint) beschlagnahmt. Jetzt nahmen sie die Konserven, die wir hatten, und einen großen Teil unserer Vorräte“, schrieb Elisabeth Will am 9. September 1945 an Marlene Dietrich. Im Herbst kam die berühmte Schauspielerin erneut nach Bergen, um nach dem Rechten zu sehen. 1946 hielt sich ihre Tochter für einige Tage bei der Tante auf. Anschließend setzten die beiden keinen Fuß mehr ins Celler Land.

Dafür, dass die Dietrich ihre Schwester öffentlich verleugnete, war Will ihr dankbar: „Von ganzem Herzen danke ich Dir, daß Du mich nicht erwähnst. Ich finde es sehr vornehm und fein von Dir, daß Du es nicht tust.“ Von einem Familientreffen im Jahr 1965 im Londoner Hotel „Dorchester“ berichtet Maria Riva: „Während meine Mutter die erlesenen Speisen auftrug (...), ließ sich ihre Schwester zu unserem wachsenden Befremden über die moralische Integrität des Deutschen Reiches aus. Sicher hätte es schlechte Nazis gegeben, jedoch sei unbestreitbar, daß Deutschland während der Naziherrschaft seinen verlorenen Ruhm wiedererlangt habe.“

Derartige unbelehrbare politische Bekenntnisse haben die Nachbarn offenbar nie von Elisabeth Will zu hören bekommen. Genauso wenig wie Geschichten über Marlene Diet-rich. Dass war ihr aufgrund der politischen Einstellung ihrer Schwester auch recht. Wills Schweigen erkaufte sich die Dietrich, indem sie ihr regelmäßig Tantiemen der deutschen Schallplatten-Verkäufe überweisen ließ.

In ihren letzten Jahren sei die Will sehr dünn geworden. „Sie fror immer“, sagt die Nachbarin. Wenn sie das Haus verließ, um in die Innenstadt zu gehen, trug sie meistens einen Mantel, ein Cape und wenn es noch kälter war, eine Wolldecke darüber. „Wenn es ihr dann zu warm darunter wurde, legte sie die Decke irgendwo auf eine Hecke oder einen Zaun und nahm sie auf dem Rückweg wieder mit“, erinnert sich die Nachbarin. Im Sommer benutzte sie den Regen- als Sonnenschirm.

Am öffentlichen Leben der Stadt Bergen nahm sie keinen Anteil. „Das interessierte sie nicht.“ Wohl sei sie aber sehr belesen gewesen und habe sich mit einer befreundeten Lehrerin aus Berlin, die nach Bergen übergesiedelt war, gegenseitig vorgelesen. Nach dem Krieg habe sie nicht mehr gearbeitet. Die Alleinstehende hatte stets eine Reinemachfrau.

An Elisabeth Wills Tod erinnert sich ihre Nachbarin noch so, als wäre es gestern gewesen. Sie war mit als Erste am Unglücksort und versuchte die 73-Jährige zu retten. Doch vergebens. „Um 1 Uhr starb sie im Krankenhaus. Ihr Sohn hat sie nicht mehr lebend gesehen. Er kam erst gegen 2 Uhr nachts, nachdem ich ihn informiert hatte“, erinnert sich die Nachbarin.

Zum Unfallhergang weiß sie nur so viel, dass Elisabeth Will einen Tauchsieder auf die Plastikablage eines Tisches legte, obwohl das elektrische Gerät noch in der Steckdose angeschlossen war. Auch das Synthetik-Nachthemd der Seniorin fing Feuer. „Wir sahen gerade einen alten Ufa-Film im Ostzonen-Programm. Es war so zwischen 21 und 22 Uhr, da kam der Nachbarssohn zu mir und sagte: Bei uns brennt es. Du musst schnell kommen. Elisabeth Will saß hinter dem Ofen und hatte sich dahinter versteckt. Sie hatte wohl einen Schock. Ich habe sie noch aufs Sofa gelegt. Da sagte sie zu mir: Ich falle. Ich habe sie versucht zu beruhigen und gesagt: Ne, Sie liegen auf dem Sofa“, so die Zeitzeugin. „Sie hat nicht lichterloh gebrannt, aber ihr Nachthemd hatte sich in den Körper eingebrannt.“

Auch 18 Jahre nach ihrem Tod ist Marlene Dietrich noch ein Mythos. Manche bezeichnen die Berlinerin als einzigen wahren deutschen Weltstar. Sie war eine der wenigen deutschen Schauspielerinnen, die sich öffentlich und vehement gegen den Nationalsozialismus gewandt hatte und emigrierte. Dass sie sich dann für die Truppenbetreuung der amerikanischen GIs zur Verfügung stellte, hat ihr im Nachkriegsdeutschland zum Teil erbitterte Feindschaft eingebracht.

Als Schauspielerin an der Seite von Gary Cooper, James Stewart und Jean Harlow machte die Dietrich genau solch eine gute Figur wie als Sängerin neben Louis Armstrong, den Beatles und Hildegard Knef. Alle diese Promis tauchen in dem neuen, opulent aufgemachten und absolut gelungenen Buch der Historikerin Marie-Theres Arnbom auf.

Sie zeigt uns das Bild eines Stars, wie wir ihn sehen wollen. Die Schattenseiten deutet sie aber bestenfalls an, den Rückzug aus der Öffentlichkeit dagegen dokumentiert sie. Die Geschichte ihrer Schwester (siehe Hauptartikel) erwähnt sie wiederum nicht.

Bezugsquelle: „Marlene Dietrich. Ihr Stil. Ihre Filme. Ihr Leben.“ von Marie-Theres Arnbom, 320 Seiten, 49,90 Euro, ISBN 3-85033-306-1.