Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Bergen Stadt Rückzug eines Briten aus Bergen
Celler Land Bergen und Lohheide Bergen Stadt Rückzug eines Briten aus Bergen
22:25 09.08.2018
Normen Wilkins mit seiner Frau Christa schaut alte Fotos an. Das Foto zeigt den jungen Normen in den 1950er Jahren. Quelle: Tore Harmening
Bergen Stadt

Es war eine bunte Weltkarte, die Christa Wilkins ihren vier Kindern immer wieder zeigte. „Jeder Stecknadelkopf steht für einen Ort, an dem mein Mann war. So konnten wir immer sehen, wo Papa gerade arbeitet“, sagt Christa Wilkins.

Norman Wilkins (79) hat als britischer Soldat einer Pioniereinheit so ziemlich die ganze Welt gesehen, bevor er in Bergen mit seiner Frau heimisch wurde. Nach seiner militärischen Karriere wurde er das Paradebeispiel für das sich immer enger verzahnende Leben zwischen den britischen Streitkräften und der deutschen Bevölkerung in Bergen. Jetzt – nach zehn Jahren Ratsarbeit in Bergen – hat er sein Mandat aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben. Es ist der Rückzug eines Briten ins Privatleben während die britischen Streitkräfte den Rückzug ins Heimatland vorbereiten.

Norman Wilkins wurde 1932 in London geboren. 1940 erlebte er als Kind die Auswirkungen der Bombenangriffe der Deutschen auf die britische Hauptstadt. Seine Familie wurde ausgebombt und der kleine Norman zum Schutz aufs Land nach Sommerset geschickt. Mit 18 wurde er zur Armee eingezogen. „Damals sagte man uns, wenn wir uns für drei Jahre verpflichten, wird der Lohn verdoppelt, also taten wir es“, erzählt Wilkins.

Der damals knapp 20-Jährige fällt schnell auf, wird zum Feldwebel befördert. Eine schwierige Zeit, denn die meisten Feldwebel waren damals alte Hasen, die den Krieg mitgemacht hatten. Er war der Jungspund, doch er setzt sich durch.

1952 kommt er das erste Mal nach Deutschland. Zuerst nach Nienburg, dann nach Bergen-Hohne. „Die Kasernen waren noch nicht so wie heute. In den Häusern wohnten bis zu 140 Mann. Nach seiner Erinnerung waren zu der Zeit fünf Regimenter mit rund 4000 Soldaten dort stationiert. Familienangehörige gab es kaum. „Wir waren junge Leute und haben uns amüsiert“, sagt Wilkins und zeigt ein Bild von sich als schmucker junger Soldat. Manchmal war das Amüsieren wohl auch ein bisschen zu doll.

Alfred Krause, Ratsvorsitzender und schon seit vielen Jahrzehnten in der Berger Politik, erinnert sich daran, dass „wir auch unsere Probleme hatten, wenn die jungen Kerle abends durch die Stadt zogen, sich betranken und randalierten.“ Das Verhältnis zwischen Besatzern und Bevölkerung änderte sich nur langsam. Vor allem der Zuzug der Familien durch den Bau der Häuser in der Berliner Straße und der Mozartstraße brachte die ersten Schritte nach vorne.

Wilkins selber fand seine Familie in Deutschland. 1953 sprach er seine Frau Christa auf einem Tanzvergnügen an. Für ihre Liebe mussten auch sie zunächst mit Vorurteilen kämpfen. „Ich habe schon zu hören bekommen: Warum willst du einen Briten heiraten?“, erzählt Christa Wilkins. Ihren Vater hingegen kann der junge Norman schnell überzeugen. „Er war Brückenbauer und das war ich als Pionier auch. So kamen wir gut ins Gespräch, auch wenn mein Deutsch damals noch nicht so gut war“, sagt Wilkins.

1954 wurde geheiratet und von da an ging es in die Welt – mal mit mal ohne die Familie. Wilkins baute Kasernen in Südkorea und arbeitete an der Grenze zum Norden, an der heute wieder gekämpft wird. Er besserte Wege in Bengasi aus, sorgt für Trinkwasserversorgung in Südamerika, ist an der Entwicklung von Amphibienfahrzeugen beteiligt und wird als Verkäufer für militärische Ausrüstung eingesetzt. Für seine Arbeit wurde er von der Queen persönlich als „Member of the British Empire“ ausgezeichnet. Wilkins erinnert sich noch gut an diesen Tag. „Es war der, an dem Prince Charles und Lady Diana ihre Verlobung bekannt gegeben haben. Als wir in den Palast hinein gingen, standen da vielleicht 100 Leute, als wir raus kamen waren es bestimmt mehrere 1000“, erzählt Wilkins.

Am Ende seiner aktiven Dienstzeit kann er als Offizier durch ein Programm Jobs bei der Armee bekommen. Wilkins hat fünf Bewerbungsgespräche, bekommt fünf Jobs angeboten und entscheidet sich für die Stelle als Standortkommandeur in Bergen-Hohne. Zehn Jahre ist er für die Logistik verantwortlich. „In der Zeit habe ich meine Kontakte nach Bergen aufgebaut“, sagt Wilkins. Er war auch britischer Verbindungsoffizier.

Als er in Pension geht, wird er von der CDU in Bergen angesprochen. „Wir wollten jemanden aus der britischen Bevölkerung in den Rat bekommen“, sagt Adolf Krause. Und Wilkins sagt Ja. Er kandidiert für den Rat und arbeitet aktiv mit. In den Sitzungen meldet er sich nicht zu Wort „doch intern hat er klar gesagt, wie er die Dinge sieht und war in den Fragen der britischen Streitkräfte eine wichtige Hilfe“, sagt Krause. Dazu baut der 79-Jährige die Senioren-Union in Bergen zur größten des gesamten Landkreises auf.

So hat Wilkins auch die Annährung zwischen Briten und Deutschen mit beeinflusst. Ausdruck des stärkeren Zusammenwachsens waren die gegenseitigen Einladungen, das Recht „Freedom of Bergen“ und die regelmäßigen Paraden der Briten durch die Stadt. Mit der Entscheidung, die britischen Familien nicht mehr in den Wohnblocks, sondern in den Häusern unterzubringen, ist eine weitere Stufe des Zusammenlebens eingeläutet worden. „Früher haben die Briten schon eher in ihrer eigenen Welt gelebt, jetzt gibt es zum Beispiel durch die Siedlung in Offen viel mehr Kontakte“, sagt Adolf Krause. Beispiel dafür ist der deutsch-britische Club.

Doch lange wird es nicht mehr so sein. Bis spätestens 2020 sollen die Soldaten abgezogen werden und dann wohl nur noch zum Üben in die Region kommen. Was bleibt „sind Erinnerungen und einige britische Familien, die sich Häuser gekauft haben“, sagt Norman Wilkins. Er selbst wird die Region auch bald verlassen. Das Ehepaar zieht in die Nähe ihrer Kinder nach Paderborn. Dem 79-Jährigen fällt es schwer, seine jetzt zur Heimat gewordene Stadt Bergen zu verlassen. Aber er wird regelmäßig zurückkommen. Besonders zum Schützenfest. Denn schließ-lich ist er Mitglied des Komitees und in dem, so sagte es Bergens Bürgermeister Rainer Prokop bei der Verabschiedung von Wilkins im Rat, bleibt man auch so Mitglied. Zum Abschied bedankten sich alle Parteien bei ihm. Das gibt es beim Ausscheiden eines Ratsmitgliedes auch nicht immer. „Ich weiß nicht“, sagte der Ratsvorsitzende Adolf Krause, „ob uns allen ein solcher Abschied gegeben wird.“

Von Tore Harmening