Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Lohheide Kunst unter sowjetischer Aufsicht
Celler Land Bergen und Lohheide Lohheide Kunst unter sowjetischer Aufsicht
18:33 11.06.2012
Martina Staats zeigt auf "Die Trauernde". Quelle: Udo Genth
Lohheide

In der Nähe des heutigen Ortes Bergen-Belsen befand sich während des Zweiten Weltkrieges ein Kriegsgefangenenlager. Die meisten der Insassen waren Angehörige der Roten Armee. 1943 richtete die SS auf einem Teil des Geländes ein Konzentrationslager ein. Hier starben rund 52.000 Männer, Frauen und Kinder. Das bekannteste Opfer ist Anne Frank.

Das Lager wurde am 15. April 1945 befreit. Sieben Jahre später wurde auf dem Gelände, das inzwischen weitgehend planiert war, ein zentrales Mahnmal eingerichtet. Es war damit die erste Gedenkstätte in der Bundesrepublik Deutschland. Im Laufe der Jahre wurde sie umgestaltet und neu konzipiert. Vor nunmehr fünf Jahren, am 28. Oktober 2007, wurde die neue Gedenkstätte Bergen-Belsen eingeweiht. Sie besteht im Wesentlichen aus dem Dokumentationszentrum, einem schmucklosen, bunkerartigen Gebäude und dem etwa 55 Hektar großen Außengelände.

Im Dokumentationszentrum werden mehrere Dauerausstellungen gezeigt, die unterschiedliche Themenbereiche des Lagers verdeutlichen. Die Ausstellungen setzen auf die Wirkung historischer Zeugnisse. Ihre bewegende Information geschieht durch Texte, Fotografien, Gegenstände aus dem Alltag der Lagerinsassen und Video-Sequenzen.

An einer Schmalseite im Obergeschoss des Dokumentationszentrums ist eine Stele mit einem weißen Relief zu sehen, das einige Bruchstücke aufweist, dennoch sehr beeindruckend ist. „Das Exponat ist mir besonders ans Herz gewachsen“, sagt Martina Staats. Die Historikerin ist wissenschaftlich-pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte. In der Tat übt „Die Trauernde“, wie die Skulptur heißt, eine besondere Anziehungskraft aus. „Sie ist unter mehreren Gesichtspunkten höchst bemerkenswert“, findet Martina Staats. Auffallend ist die Haltung der dargestellten Figur, die nichts Heroisches an sich hat und damit ungewöhnlich für ihre Zeit und das Kunstverständnis ihres Auftraggebers Sowjetunion ist. Sie wurde von dem ukrainischen Künstler Mykola Muchin gestaltet, der bald nach Kriegsende unter sowjetischer Aufsicht die Figur schuf. Weiterhin erstaunlich ist die hohe künstlerische Qualität, die eine unpathetische Eindringlichkeit ausstrahlt. Letztlich bildet die Familiengeschichte des Künstlers wie gleichermaßen die Odyssee der Skulptur nach 1960 einen faszinierenden Stoff.

Eine Kopie der im Dokumentationszentrum gezeigten Skulptur steht heute auf dem sowjetischen Kriegsgefangenenfriedhof am Rande der Gedenkstätte. Er bildet zusammen mit der nachhaltigen Schlichtheit des Zentrums wie der gesamten Anlage ein Areal, an dem ein Zugang zu einem bedrückenden Teil der jüngeren deutschen Geschichte gefunden werden kann.

Von Udo Genth