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Lohheide Redner betonen bei Gedenkfeier in Bergen-Belsen Aktualität
Celler Land Bergen und Lohheide Lohheide Redner betonen bei Gedenkfeier in Bergen-Belsen Aktualität
08:11 18.04.2016
Von Christopher Menge
Lohheide

„Auf den ersten Blick könnte man befürchten, dass das Gedenken eine Pflichtveranstaltung wird“, sagte Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, „doch nur, wenn wir trauern würden ohne nachzudenken, wären wir auf dem falschen Weg – wir müssen uns kritisch damit auseinandersetzen, was die Verbrechen mit dem heutigen Leben gemein haben.“ Wagner betonte, dass es einen deutlichen Aktualitätsbezug gäbe, wenn man der Frage nachgehe, warum die Deutschen nicht nur den Verbrechen zugesehen, sondern sich auch an ihnen beteiligt hätten. „Wir erleben derzeit die schlimmste Rassismuswelle seit den 1990er Jahren“, sagte Wagner, „wir erleben Hetze gegen Flüchtlinge und erkennen hier erschreckende Ähnlichkeiten zu den 1930er Jahren.“ Eine kritische Auseinandersetzung könne helfen, sich der historischen und ethischen Verantwortung bewusst zu sein und die Stimme zu erheben.

Die niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt sagte, dass man insbesondere in Deutschland – „dem Land der Täter“ – den Überlebenden zuhören und Mitgefühl zeigen müsse. „Außerdem müssen wir uns damit auseinandersetzen, wie es dazu kommen konnte und warum die Bevölkerung mitmachte“, sagte Heiligenstadt, „es geht darum, das Gedenken auch für nachfolgende Generationen zu stärken und alles zu tun, denn so etwas darf es nie wieder geben.“

Gemeint ist, dass es nie wieder passieren darf, dass eine Frau wie einst Anita Lasker-Wallfisch zum „Untermenschen“ herabgewürdigt wird. Die KZ-Überlebende und Zeugin im Lüneburger Bergen-Belsen-Prozess erzählte von ihrem „bewegten Leben“. „Meine Schwester und ich hatten Glück, dass wir nicht als Juden, sondern als Verbrecher eingestuft wurden“, berichtete Lasker-Wallfisch, die nach einem Jahr im Gefängnis und einem Jahr im Vernichtungslager Auschwitz nach Bergen-Belsen kam, wo sie im April 1945 von britischen Truppen befreit wurde. „Der Bergen-Belsen-Prozess war sehr grotesk und sehr schwer zu verdauen“, sagte die damals 20-Jährige, „zum ersten Mal habe ich damals verstanden, dass die normale Welt die Dinge, die geschehen sind, niemals erfassen werden könne, da die Verbrechen wie der Massenmord außerhalb eines jeden Gesetzes standen.“ Auch heute sei „gehirnloser Antisemitismus eine Riesengefahr“. Und daher darf man auch nach 71 Jahren nicht aufhören, der Opfer zu gedenken.