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Eschede Chef der Celler Notaufnahme erinnert sich an ICE-Unglück von Eschede
Celler Land Eschede Chef der Celler Notaufnahme erinnert sich an ICE-Unglück von Eschede
13:52 30.05.2018
Von Christopher Menge
Hunderte von Helfern versuchen im Wrack des verunglückten ICE 884 Opfer des Zugunglücks zu bergen. In Eschede war am 3. Juni 1998 der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" wegen eines gebrochenen Radreifens aus den Gleisen gesprungen und an der Rebberlaher Brücke zerschellt. 101 Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben, 88 wurden schwer verletzt. Quelle: Holger Hollemann
Eschede

Denken Sie noch oft an das Unglück von Eschede?

Immer, wenn ähnliche Ereignisse passieren und die Medien ähnliche Bilder zeigen, ist einem das Ergebnis von Eschede wieder ganz nahe. Genauso, wenn das Unglück durch Gedenktage wieder Thema wird.

Was geht dann in Ihnen vor?

Man realisiert dann, dass man vor solchen Ereignissen nicht gefeit ist. Theoretisch kann so etwas jeden Tag passieren. Und man ist immer betroffen, wenn andernorts Opfer zu beklagen sind. Die Erinnerung daran, dass es in Eschede 101 Tote gab, verknüpft sich dann mit der eigenen Gefühlswelt. Aber es belastet mich nicht. Es gab genügend Gelegenheit, das Thema zu verarbeiten.

Wie war es, als sie am 3. Juni 1998 zum Unglücksort gerufen wurden?

Im ersten Moment war ich ohnmächtig. Es war nicht fassbar. Als ich die Unglücksstelle gesehen habe, habe ich mich gefragt, was ich hier überhaupt mache. Und dann, was ich hier machen muss. Schritt für Schritt habe ich versucht, Ordnung in das primäre Chaos hineinzubringen. Ich habe den damaligen Kreisbrandmeister Gerd Bakeberg vor Ort getroffen und mich mit ihm verbündet. Es ist hilfreich, wenn man Leute kennt und die Aufgabe gemeinsam in die Hand nehmen kann. Ich bin ja noch im weißen Kittel in Eschede aufgetaucht.

Wie kann man das „Chaos“ beschreiben?

Das Unfallfeld zog sich über 600 Meter. Es herrschte ein emsiges Treiben. Es war schwer, das alles einzufangen. Die meisten Patienten waren noch im Zug. Einige konnten sich allerdings selbst befreien.

Wie sind Sie vorgegangen?

Als Leitender Notarzt hat man klare Aufgaben. Unter anderem muss ein Transportstopp verhängt und die Lage an die Leistelle gemeldet werden, damit Kräfte nachgefordert werden. Ich habe mich dann mit dem Rettungsdienstpersonal ausgetauscht, was erforderlich ist. Sie haben versucht, die Patienten zu retten und ihnen zu helfen – wo immer sie rangekommen sind. Und das Potenzial an Helfern aus Rettungsdienst, Feuerwehr und Technischen Hilfswerk ist immer weiter angewachsen. Da müssen alle koordiniert zusammenarbeiten. In der Halle haben wir eine Verletztensammelstelle eingerichtet. Mit der Zeit mussten dort immer mehr Menschen behandelt werden.

Wie lange waren Sie im Einsatz?

Ich war um zirka 11.10 Uhr am Unglücksort und war dort bis zum nächsten Tag um 22 Uhr. Als ich nach Hause gefahren bin, hatte ich das Gefühl, dass der Einsatz positiv verlaufen ist. Mit einem Schlag hatten wir um kurz nach 11 Uhr 88 Schwerstverletzte, denen wir allen helfen konnten.

Würde ein ähnlicher Einsatz heute anders laufen?

Ja. In Sachen Aus- und Fortbildung im Rettungsdienst sind wir heute viel weiter. Es gibt ein optimiertes MANV (Massenanfall von Verletzten)-Konzept und neue Behandlungskonzepte. Heute würde man keine Verletztensammelstelle mehr einrichten, sondern den Transport optimieren. Wir haben eine effektivere Kennzeichnung der Patienten, sodass die Schwerstverletzten sofort abtransportiert werden. Eine solche Katastrophe ist immer Anlass, über die Systeme nachzudenken.

Die Katastrophe von Eschede wäre aber vermeidbar gewesen ...

Die Ursache ist ja hinlänglich bekannt und die Vermeidbarkeit festgestellt. Es werden aber immer wieder Dinge passieren, die man nicht vorhersieht – gerade in unserer hochtechnologischen Welt. Auch wenn es noch so perfektioniert ist, gibt es keine hundertprozentige Sicherheit. Aber: Alle, die in Eschede mitgewirkt haben, haben gezeigt, dass man ein solches Ereignis verarbeiten kann. Die positive Abarbeitung war ein Gemeinschaftswerk. Der Einsatz der vielen Ehrenamtlichen ist dabei nicht selbstverständlich.

Ist das auch etwas, was von dem Unglück bleibt?

Der Bundespräsident Roman Herzog hat in seiner Rede damals gesagt, dass Celle und Eschede auszeichne, dass die Solidarität da war. Das ist es, was einen beruhigt. Egal, was passiert, in so einer Situation stehen die Leute zusammen.

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