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Eschede Ein Besuch am Grab soll gut tun“
Celler Land Eschede Ein Besuch am Grab soll gut tun“
17:32 05.11.2010
Auf einem Rasengrab darf das nicht sein. Quelle: Joachim Gries
Eschede

„Verboten!“, sagt Günter Czasny und zeigt wieder ein Bild, wie es bei den anonymen Rasengräbern auf einem Friedhof nicht aussehen darf. Da stehen Vasen voller Blumen, liegen Gestecke im Gras. Neben der Wiese gibt es „Ersatzgrabstellen“, wie er es nennt. Die Friedhofssatzung erlaubt das nicht, Czasny weiß, das genau das auf unzähligen Friedhöfen in Deutschland passiert. Und er kann es auch erklären.

Czasny ist Geschäftsführer einer Kunst-gießerei in Süßen, unweit von Göppingen in Baden-Württemberg. Er hat sich mit Vorträgen und Veranstaltungen zu den Themen Friedhofsgestaltung und Fried-hofsproblematik einen Namen gemacht. Kürzlich war er auf Einladung von Steinmetzmeister Peter Schaper in Eschede und hielt vor Steinmetzen, Friedhofsgärtnern sowie Vertretern von Kommunen und Kirchengemeinden einen Vortrag mit dem Titel „Friedhofs- und Grabmalkultur – Orte, die gut tun“.

51 Prozent der Menschen sind laut Czasny nach einer Umfrage für die konventionelle Bestattung mit Sarg oder Urne, 49 Prozent können sich eine Alternative vorstellen. Konjunktur haben zurzeit pflegeleichte Rasengräber, aber auch Friedwälder oder Ruheforste. Gründe für die Suche einer kostengünstigen Lösung können das Fehlen von Angehörigen oder ihr entfernter Wohnort, aber auch das Ende des Sterbegelds im Jahr 2004 sein.

Doch was seit Jahren vielen Friedhöfen angeboten wird, funktioniert nicht. Angehörige setzen sich über die von ihnen eingegangenen Vereinbarung hinweg. „Jeder braucht einen Raum für Trauerrituale“, sagt Czasny. Trauer sei das stärkste Gefühl, am Grab komme es zur emotionalen Öffnung. Spüren Angehörige am Grab die Nähe zum Verstorbenen, dann handeln sie, dann werden sie aktiv. Pflanzen Blumen, stellen Laternen auf, arrangieren Steine und Gestecke am Fuße des Baums im Ruheforst oder nageln sogar ein Bild des Verstorbenen an den Stamm.

„Wenn wir es erlauben, kann ein Besuch am Grab gut tun“, sagt Czasny und spricht sogar von therapeutischer Wirkung. Wenn sich die Friedhöfe den Bedürfnissen öffneten, seien sie für die Zukunft richtig aufgestellt. Eben Orte, die gut tun. Besinnungsgärten, die eine private Trauerarbeit erlauben, aber auch der Allgemeinheit offen stehen als Ruheraum, als Refugium, als Besinnungsgarten.

Nach Czasnys Vorstellungen müssen Angehörige von der Verpflichtung zur Grabpflege entlastet, bei der Möglichkeit, am Grab etwas zu gestalten aber unterstützt werden. Eine individuelle Fläche vor dem Stein, um die sich Angehörige kümmern, kann im Lauf der Zeit verkleinert werden oder ganz entfallen. Viel Grün, Bänke, vielleicht ein Brunnen, sollen Aufenthaltsqualität schaffen. Nicht nur für Trauernde, sondern für die gesamte Bürgerschaft.

Damit das funktioniert, sind nach Czasnys Erfahrung unterschiedliche Kooperationsmodelle denkbar. Bestatter, Steinmetze, Friedhofsgärtner und Friedhofsverwaltung bieten ein Angebot aus einer Hand an. Der Kunde muss sich nicht nach dem Tod eines Angehörigen um Erwerb des Grabs, um Stein und künftige Pflege kümmern, sondern zahlt einen Preis und kann wie beim Autokauf Extras ordern. So könne das Grab auch etwas über den Menschen erzählen, der dort bestattet wurde. Das neue Grabstättenkonzept kann in bestehende Friedhöfe integriert werden. Wo es Freiflächen gibt, könnten neue Ideen verwirklicht werden. „Der konventionelle Bereich wird seinen Bestand haben“, ist Czasny überzeugt.

Den Einstieg in eine andere Friedhofskultur sieht er darin, dass Verantwortlichen in Politik und Verwaltung klar gemacht wird, was mit Friedhöfen erreicht werden kann, was sie leisten können. Zu hinterfragen sei, ob Friedhöfe als kostendeckende Einrichtungen nur von den zu finanzieren seien, die dort Gräber haben, oder auch von der Allgemeinheit, die ihn nutzen kann. Friedhöfe müssten sich stärker öffnen, mit Musik, Lesungen und Theater auf sich aufmerksam machen. Friedhöfe haben nach Czasnys Überzeugung keine zwanghafte Notwendigkeit, sie können zu Orten werden, die wohl tun.

Von Joachim Gries