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Eschede Eschede wechselt den Vogel
Celler Land Eschede Eschede wechselt den Vogel
15:17 23.12.2011
Eschede

Bisher war jedes Schreiben aus dem Escheder Rathaus mit einem Storch geschmückt. Der stand als Sympathieträger der Kommune ganz brav über dem D von „Eschede“ mit der Unterzeile „Naturpark Südheide“. Doch längst hat sich das Storchenpaar, das seit 1968 jedes Frühjahr das Nest auf dem Schornstein des Bauernhauses Lilje in der Escheder Südstraße be- und Jungtiere großzog, verabschiedet. Um die Jahrtausendwende war Schluss, nachdem sich vorher nur einzelne Tiere hatten blicken lassen. Den langbeinigen Kulturfolgern war wohl in der Samtgemeinde die Nahrungsgrundlage abhanden gekommen. Von einem drastischen Geburtenrückgang hingegen kann nicht die Rede sein, gleichwohl ist die demografische Entwicklung auch am Escheder Raum nicht spurlos vorbeigegangen.

Jetzt holt die Kommune mit einer neuen Tierart auf dem Briefpapier nach, was in der Natur der Region längst etabliert ist: Eine Silhouette balzender Kraniche soll nach dem Jahreswechsel die amtlichen Schreiben schmücken. Die in Eschede ansässige Grafikern Sandra Lutterloh hat mit wenigen Linien die Großvögel beim Brauttanz dargestellt. Wer die Tiere in freier Wildbahn bei der Balz beobchtet hat, kann ihr bestätigen, dass das gelungen ist. Mit aufgeplustertem Gefieder hüpfen die großen Vogel ausdauernd umeinander, schlagen auch die Flügel, lassen ihre Schreie erklingen.

Seit den 1980er Jahren ist Grus grus, der Graue oder eurasische Kranich, auch im Celler Land wieder ansässig. Das erste Brutpaar ließ sich 1986 bei Eschede nieder, damals wurde extra ein Weg gesperrt, damit das Paar erfolgreich der Brut nachgehen konnte. Ganz heimlich tun sie das in Mooren und Feuchtgebieten, gern auch in Teichnähe. In diesem Jahr zählte Eckehard Bühring, Naturschutzbeauftragter des Landkreises Celle und Kranichbeauftragter des Landes Niedersachsen für das Aller-/Wesereinzugsgebiet gut 70 Brutpaare im Celler Land.

Bei aller Heimlichkeit ist der laute, trompetende Ruf der Kraniche verräterisch. Meistens fällt der zweite Vogel in den Ruf des ersten ein, ein Zeichen der Verbundenheit. Auch in diesen Tagen sind die Kraniche hier zu hören, längst nicht alle haben sich den vom Osten und Norden zur Winterzeit in den Süden ziehenden Artgenossen angeschlossen. Solange nicht dick Schnee liegt, finden sie ausreichend Nahrung.

Schon in der griechischen Mythologie war der Kranich ein Symbol des Glücks. Ebenso in Japan, wo er beim Origami von geschickten Händen aus Papier gefaltet wird. In der Wappenkunde gilt der Großvogel als Symbol der Vorsicht und der schlaflosen Wachsamkeit, in der Dichtung steht er für das Erhabene.

Mit jedem Schreiben aus dem Escheder Rathaus gehen künftig die Glücks-Vögel auf Reisen. Es muss nicht extra neues Briefpapier gedruckt werden, jeder Arbeitsplatzdrucker bringt Kleingedrucktes wie Schönes neben den gewichtigen Worten zu Papier. Neu angefertigt werden sollen die Tafeln an den Ortseingängen, wo seit Monaten nur die leeren Rahmen stehen. Und auch am frisch gestrichenen Rathaus soll schon bald ein Schild nicht nur die Öffnungszeiten, sondern auch die Kraniche zeigen.

Von Joachim Gries