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Eschede Im Juni 1986 schlossen Annett und Ralf-Peter Stechert eine deutsch-deutsche Ehe
Celler Land Eschede Im Juni 1986 schlossen Annett und Ralf-Peter Stechert eine deutsch-deutsche Ehe
21:05 12.11.2014
Im Juni 1986 heirateten Annett und Ralf-Peter Stechert. Familie Stechert heute mit ihren vier Kindern (von links) Charlotte (6), Dorothea (25), Annett, Ralf-Peter, Elisabeth (16) und Matthias (22). Quelle: Anke Schlicht
Eschede

Ernst musste es Ralf-Peter Stechert von Anfang an gewesen sein, andernfalls hätte er die ständigen Formalitäten und Schikanen wohl nicht auf sich genommen. 1984 hatten sich der junge Mann aus Niedersachsen und die junge Frau aus Sachsen während einer Sommerfreizeit des Kirchenkreises Celle ineinander verliebt.

Von Liebe auf den ersten Blick sprechen Annett und Ralf-Peter Stechert nicht, aber sie wollten sich unbedingt wiedersehen, und im April 1985 beschlossen die Hebamme und der Student der Betriebswirtschaft zu heiraten. Für die Nachwendegeneration ist es nicht mehr so leicht nachzuvollziehen, was das zu Zeiten der deutsch-deutschen Teilung bedeutete. 45 Tage durfte man sich als Westdeutscher in der DDR pro Jahr aufhalten. „Es ging alles formell und bürokratisch zu. Außer für Treffen im grenznahen Bereich musste ich immer einen Visa-Antrag stellen“, erzählt der Bankkaufmann.

Heute kann er lachen über das, was er später in seiner Stasi-Akte gefunden hat. Aber damals war es bitterer Ernst, denn es stand etwas auf dem Spiel. Mit Annett wollte er sein Leben verbringen. Wie er gekleidet war, was er dabei hatte, welchen Eindruck er hinterließ, wie er aussah, ist da zu lesen – in holprigem Deutsch, mit Schreibmaschine getippt.

Telefonieren konnte man nur unter erschwerten Bedingungen. Nicht jeder Haushalt hatte einen Anschluss, und abgehört wurden Ost-West-Gespräche ohnehin. „,Soll ich jetzt den Antrag stellen?', hatte Ralf-Peter gesagt, und plötzlich machte es klick und das Gespräch war weg“, erinnert sich Annett. Auch sie lacht heute darüber, zumal es bei besagtem Telefonat nur um einen Besuchsantrag ging. Der eigentliche folgte später. Einen Antrag auf Eheschließung mit einem Ausländer musste sie gemäß einer Verordnung des Ministerrates der DDR stellen. Mit dem Stempel „Eheschließung BRD zugestimmt“ versehen, erhielten die beiden einige Monate später die Erlaubnis zu heiraten. Sie hatten Glück, Ralf-Peter Stechert berichtet von Fällen, in denen nach Antragstellung ein Einreiseverbot für die DDR verhängt wurde. Wie die Staatsmacht entschied, unterlag der Willkür.

Im Juni 1986 wurde geheiratet, vier Wochen später übersiedelte Annett nach Göttingen: „Ich musste meinen Personalausweis abgeben, meine Familie, Freunde, alles hinter mir lassen. Das hätte auch schiefgehen können, aber damals, mit 22, habe ich über das Risiko gar nicht nachgedacht.“ Mit „überwältigend“ beschreibt sie den ersten Eindruck von der Bundesrepublik. „Ich habe vor den Geschäften gestanden, geguckt und gestaunt. Aber gekauft habe ich nichts.“

Große Dankbarkeit empfinden beide angesichts des Mauerfalls, den sie, genau genommen, verschlafen haben. Für den 10. November 1989 hatten sie einen Besuch in Ost-Berlin geplant, weil Annetts Vater ein zweites Mal heiratete. „Wir kamen aus dem Staunen nicht raus, als uns am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn Schlangen von Trabis entgegenkamen“, erzählen sie. Das Regime, das sich in die persönlichsten Angelegenheiten von Menschen eingemischt hatte, war zusammengebrochen. Annetts und Ralf-Peters Ehe hingegen besteht immer noch. Aus dem Paar ist eine Familie mit vier Kindern zwischen 6 und 25 Jahren geworden.

Von Anke Schlicht