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Eschede Johannes Kneifel ist froh über seine neue Chance
Celler Land Eschede Johannes Kneifel ist froh über seine neue Chance
16:49 30.12.2011
Johannes Kneifel Johannes Kneifel ist froh - ¸ber seine neue Chance - In einem Buch will der angehende Pastor seine Geschichte erz‰hlen - Mit 17 Jahren pr¸gelte er zusammen - mit einem anderen Neonazi in Eschede - einen Menschen zu Tode. In der Haftanstalt gab er seinem Leben eine Wende. Im Sommer wird - Johannes Kneifel seine Ausbildung als Pastor abschlieflen. Dann soll auch ein Buch - erscheinen, in dem er seine Geschichte erz‰hlt. - ESCHEDE. Quelle: nicht zugewiesen
Eschede

„Ich bin froh, dass mir die Gesellschaft eine neue Chance gegeben hat. Bei einem totalitären Regime wäre ich in einem Lager verschwunden“, sagt Johannes Kneifel. Mit seinen 29 Jahren hat er schon ein bewegtes Leben hinter sich. Erzählen wird er es in dem Buch „Vom Saulus zum Paulus: Neonazi, Mörder, Pastor - meine drei Leben“, das Mitte kommenden Jahres erscheinen soll. Dann wird Kneifel auch vollends in seinem dritten Leben angekommen sein und seine Ausbildung zum Pastor abgeschlossen haben.

Kneifel hatte als 17-jähriger Neonazi zusammen mit Marco Siedbürger am 9. August 1999 den 44-jährigen Peter Deutschmann in Eschede so schwer verletzt, dass der am nächsten Tag seinen Verletzungen erlag. Kneifel wurde zu fünf Jahren Jugendstrafe verurteilt. In der Haft änderte sich sein Weltbild. „Als Rassist hatte ich im Leben nur negative Kontakte mit Ausländern“, sagt er rückblickend. Doch im Gefängnis hätten ihm die Ausländer die erste Chance gegeben. „Sie beurteilten mich nach dem, was ich dort war.“

Christen vermittelten ihm während der Haftzeit, dass er vor Gott nicht anders dastehe als andere Menschen. Kneifel machte eine Lehre als Zerspanungsmechaniker und holte sein Fachabitur im Metallbereich nach. Er plante ein Maschinenbaustudium. Doch es kam anders.

Anfang 2005 verbrachte Kneifel mit der Jugendgruppe einer christlichen Gemeinde - und hatte ein besonderes Gebetserlebnis. Gott habe ihn gefragt, ob er bereit sei für eine besondere Aufgabe. Unmittelbar darauf stieß er auf eine Anzeige des Theologischen Seminars Elstal. Nach einem einjährigen Praktikum in einer Kirchengemeinde in Waldshut-Tiengen nahm Kneifel im Sommer 2006 in Elstal sein Studium auf.

Immer wieder erhält er seither Anfragen aus der ganzen Bundesrepublik, ob er nicht vor Jugendlichen berichten könne, wie er die Kurve bekommen habe. Schüler, Konfirmandengruppen, junge Häftlinge hören ihm zu. „Das mache ich, damit andere Jugendliche nicht die gleichen Fehler begehen“, sagt der 29-Jährige. Er habe keine großen Schwierigkeiten, auf andere Menschen zuzugehen und über sein früheres Leben zu berichten, sagt Kneifel. Er spüre aber oft die Unsicherheit der Zuhörer, ihn auf seine Tat anzusprechen.

„Ich muss dazu stehen, es ist ein Teil meiner Biografie“, sagt der angehende Pastor. Dass er das Geschehen nicht gutmachen kann, weiß er. Und er ist dankbar, dass er alle Möglichkeiten hat, ein selbstbestimmtes, verantwortungsvolles Leben zu führen.

Seit dem Sommer schreibt Kneifel an seinem Buch. Eine Verlagslektorin war auf ihn aufmerksam geworden und hatte ihn dazu ermuntert. Kontakt zu Mittäter Marco Siedbürger hat er seit der Gerichtsverhandlung nicht mehr. Direkte Bedrohungen durch Neonazis hat er nicht erlebt, „eher subtile Sachen in social networks“ sagt er.

In Eschede ist Kneifel selten. Er weiß, dass dort auch über einen Gedenkstein für Peter Deutschmann diskutiert wurde. Dazu sagen will er aber nichts - außer: „Das müssen die Bürger in Eschede selber entscheiden.“

Von Joachim Gries