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Eschede Morgens halb zehn in Kragen
Celler Land Eschede Morgens halb zehn in Kragen
18:57 27.07.2018
Kragen

Während die Sonne vom Himmel brennt und der Mais sich auf den Feldern bei einer sanften Brise hin und her wiegt, ist Landwirt Hendrik Niemann unterwegs. Der 47-Jährige ist dabei, seine Beregnungsanlagen einzuschalten. „Nach drei Monaten wäre jetzt mal wieder ein kräftiger Regen schön“, sagt der 45-Jährige. Wie vielen Landwirten macht ihm zurzeit die anhaltende Trockenheit zu schaffen.

Doch nicht nur Menschen und Pflanzen macht die Hitze Probleme. Auch die Tiere haben aktuell zu kämpfen. Und das wortwörtlich. Denn für die Gänse und Enten, die es sich sonst auf dem Wasser des hofeigenen Teichs von Familie Niemann bequem machen, wird es langsam eng. Durch die Trockenheit sinkt der Wasserstand von Tag zu Tag. „Da haben wir gestern Wasser reinlaufen lassen“, sagt Hendrik Niemann. Ansonsten wären die gefiederten Hofbewohner nämlich schon bald verschwunden. „Wenn das Wasser ganz weg ist, dann kommt der Fuchs“, erklärt Wiebke Niemann, Ehefrau von Hendrik Niemann. „Der ist nämlich nicht blöd.“

Damit sie sich also weiterhin vor dem Raubtier auf dem Wasser in Sicherheit bringen können, muss die Familie nachhelfen. Doch aktuell ist es weniger das Wasser, das die Enten und Gänse suchen als vielmehr ein schattiges Plätzchen. Und so versammeln sie sich unter dem Schatten des Baumes, der am nächsten zu ihrem sicheren Gewässer steht.

Neben Gänsen und Enten hat der Hof von Familie Niemann noch viele weitere Tiere zu bieten. Schafe, Schweine und Hunde suchen alle nach Schutz vor der strahlenden Sonne. Die Tiervielfalt auf dem Hof Niemann kommt durch ein Projekt von Wiebke Niemann zustande. Die hatte bis vor zwei Jahren einen Begegnungsbauernhof betrieben, um Kindern die „artgerechte Begegnung zwischen Mensch und Tier“ näherzubringen. Zurzeit pausiert jedoch dieses Projekt. „Nachdem unser neuntes Kind geboren wurde, wollte ich mich erst einmal ganz ihr widmen“, sagt Wiebke Niemann.

Die Familie lebt bereits seit 15 Generationen in Kragen und betreibt als letzte von ehemals vier Familien noch ihren eigenen Landwirtschaftsbetrieb. „Unsere Schwerpunkte liegen beim Biogas, bei der Braugerste und bei Kartoffeln“, sagt Heinrich Niemann. Der 70-Jährige hat sich zwar eigentlich mittlerweile zur Ruhe gesetzt und den Familienbetrieb seinem Sohn Hendrik überlassen, doch wo immer er kann, packt er noch mit an. „Das Alter hat einen Vorteil: Ich hab keine Verantwortung mehr und kann mich um die Dinge kümmern, die Spaß machen“, sagt der 70-Jährige mit einem Augenzwinkern.

„Man sieht einfach, auf welchem Hof noch ein Opa ist“, sagt Lotte Marwede mit einem Lächeln. „Die sind einfach noch etwas schöner, weil da jemand Zeit hat, zum Beispiel mal einen Zaun zu reparieren“, so die 80-Jährige, die in direkter Nachbarschaft zur Familie Niemann wohnt.

Auch die Marwedes entspannen einer langen Reihe an Landwirten. „Seit 1663 lebt die Familie hier“, sagt Lotte Marwede. Und die meiste Zeit betrieb sie den eigenen Bauernhof. Doch, nachdem der Bruder von Lotte Marwede starb, hat sie die meisten Flächen verpachtet. „Früher haben wir alle auf dem Hof mitgeholfen. Das war damals so“, erinnert sich die 80-Jährige. Heutzutage kümmert sie sich vor allem um ihren Garten. "Regen wäre für die Blumen gut", sagt sie. "Aber der Garten ist das eine. Wichtiger wäre der Regen für die Bauern." (mot)