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Eschede Nahtz-Enkel auf Seite der Demonstranten in Eschede
Celler Land Eschede Nahtz-Enkel auf Seite der Demonstranten in Eschede
20:07 24.09.2017
Von Audrey-Lynn Struck
Sobald sich ein Wagen mit Richtung zum Hof Nahtz näherte, fingen die Demonstranten an, in ihre Trillerpfeifen zu blasen und ihre beschrifteten Schilder in die Höhe zu strecken. Quelle: Audrey-Lynn Struck
Eschede

Lautes, schrilles Pfeifen ertönt, als ein Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor den Polizisten zum Stehen kommt. Nach einem kurzen Wortwechsel wird der Fahrer durch gewunken. Er darf seinen Weg auf dem Feldweg fortsetzen. Die Demonstranten auf der anderen Straßenseite blicken dem anfahrenden Auto erbost hinterher und schwenken ihre Fahnen. Sie demonstrieren gegen die auf dem Hof Nahtz in Eschede veranstaltete Brauchtumsfeier: das Erntefest.

Unter den Demonstranten befindet sich auch der Enkel von Joachim Nahtz, Jan Stöckmann. Der 25-Jährige war ebenfalls als Kind auf den Brauchtumsfeiern und sang alt-deutsche, germanische Lieder am Lagerfeuer, ehe er sich später von den Ideologien seiner Familie distanzierte und einen anderen Nachnamen anlegte. "Seitdem geht es mir um Hundert Prozent besser und ich habe wieder Arbeit gefunden", sagt Stöckmann.

Die "Kameradschaft" unter den Rechtsradikalen, von der immer gesprochen werde, gebe es in dem Sinne nicht. "Als die Scheune meiner Großeltern vor einigen Jahren abgebrannt ist, wer hat da in erster Linie geholfen? Das waren nicht die Spenden, sondern mein Vater und ich", sagt Stöckmann. Zusammen hätten sie alles wieder aufgebaut.

Auf die Frage, ob sein Großvater wisse, dass er bei den Demonstranten stehe, bejaht Stöckmann. Er habe ihn vorhin am Bahnhof getroffen. Nahtz hätte gesagt: "Dann mach das mal. Aber sieh zu, dass du nicht einen von den Demonstranten aufs Maul bekommst." Die Demonstration verlief friedlich, und die Versammlung löste sich gegen 17 Uhr auf.

Auch Mitarbeiter des Celler Forum gegen Gewalt und Rechtsextremismus wie Kirsten Dieckmann demonstrieren. „Uns geht es in erster Linie um das Netzwerk, das hinter der Veranstaltung steht“, sagt Dieckmann. Der Hof sei Treffpunkt der rechten Szene, die zum Teil aus ganz Deutschland ihren Weg zum Erntefest fände. "Selbst Parteien wie die Rechte und der Dritte Weg, die sich eigentlich nicht untereinander verstehen, kommen hier zusammen, vernetzen und stärken sich", so Dieckmann.

Insgesamt haben sich an diesem Samstag über 70 Demonstranten versammelt. Zum Hof Nahtz, der sich in über zwei Kilometer Entfernung befindet, dürfen sie nicht. Zu groß ist die Sorge der Polizei Bereitschaft aus Nienhagen, dass die Sache aus dem Ruder läuft. Auch einige Politiker und Mitglieder von Parteien befinden sich unter den Demonstranten. Die Celler Bundestagskandidaten Paul Stern (Linke) und Heiko Wundram (Grüne) protestieren ebenfalls gegen das rechtsradikale Treffen.

Dennoch seien es immer noch zu wenig Politiker, so der Vorsitzende der Celler Jusos Yannick Tahn. "Die Leute, die sich hier treffen, sind so extrem, da müssen sich die anderen Parteien klar gegen abgrenzen." Der 20-Jährige ist schon seit mehreren Jahren bei den Demonstrationen gegen die Brauchtumsfeiern in Eschede. "Es ist wichtig, dass wir ein Zeichen setzen und den Besuchern auf dem Erntefest zeigen: Ihr könnt hier nicht einfach her fahren, ohne dass ihr unter Beobachtung steht", so Tahn.(als)