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Eschede Sudanese aus Eschede: "Ich hatte Angst um mein Leben"
Celler Land Eschede Sudanese aus Eschede: "Ich hatte Angst um mein Leben"
16:17 21.05.2015
Fassungslos: Ahmed Mohammed Nour Ibrahim (links) und Jadalla Allam zeigen die zwei Steine, - mit denen sie bedroht wurden. Quelle: Kai Knoche
Eschede

Zwei 26 und 27 Jahre alte Männer haben in Eschede eine Gruppe von sudanesischen Asylbewerbern vor deren Haustür mit ausländerfeindlichen Parolen beschimpft, vor ihnen den Hitler-Gruß gezeigt und gedroht, ihnen mit Steinen den Kopf einzuschlagen. Verletzt wurde bei dem am Ende nur verbalen Streit, der sich gestrigen Polizeiangaben zufolge bereits am Mittwochnachmittag abspielte, aber niemand.
Am Donnerstag war das Duo erneut vor der kommunalen Unterkunft in der Rebberlaher Straße aufgetaucht. Beim Eintreffen der alarmierten Beamten war es bereits über alle Berge.

„Wir haben bei unseren Ermittlungen bisher keinen Anhaltspunkt gefunden, dass die Verdächtigen der rechten Szene zuzuordnen sind“, sagt Polizeisprecher Thorsten Wallheinke. „Das schließt natürlich nicht aus, dass die beiden mit solchen Gesinnungen sympathisieren. Aber das ist derzeit rein spekulativ.“

Die beiden Täter, die bereits vorher schon mal Ärger mit dem Gesetz hatten, konnten innerhalb kürzester Zeit von der Polizei ausfindig gemacht werden – mithilfe von Zeugen, die die beiden offenbar stark alkoholisierten Escheder identifizieren konnten. Die Polizei ermittelt nun gegen die zwei Männer wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.
Im Zuge der ersten Ermittlungen stellte sich heraus, dass ebenfalls am Mittwoch eine Gruppe von Asylbewerbern aus Eritrea in Eschede von einer vierköpfigen Gruppe Männer ausländerfeindlich angepöbelt wurde. Die Afrikaner waren mit Fahrrädern entlang der Celler Straße unterwegs, als sie beleidigt und bedroht wurden.

Ahmed Mohammed Nour Ibrahim ist geschockt: Dass der Neu-Escheder direkt vor seiner Haustür rassistisch angefeindet wird, hätte er sich nicht vorstellen können. „Ich habe nie Probleme mit den Leuten gehabt und bin hier sehr gut aufgenommen worden“, sagt der 35 Jahre alte Sudanese. Zusammen mit fünf seiner Landsleute lebt er seit einiger Zeit in separaten Wohnungen in der Unterkunft an der Rebberlaher Straße – einige hundert Meter vom Escheder Rathaus entfernt.

Als vor einigen Wochen Unbekannte Eier an seine Fenster geworfen haben, dachte er, dass es sich um einen Streich von Jugendlichen handelt. Als er nun am Mittwoch vor die Tür gehen wollte, standen die zwei 26 und 27 Jahre alten Männer, die häufiger einen Bewohner es Hauses besuchen und sich zusammen mit ihm betrinken, plötzlich vor ihm.

Ibrahim wollte keinen Streit, bat die beiden das Grundstück zu verlassen und drohte, die Polizei zu rufen. „Wenn ihr das macht, bringen wir euch alle um“, sollen die beiden laut dem Afrikaner gesagt haben. Eine Beleidigung jagte die nächste, auf beiden Seiten. Als die Escheder Steine in die Hand nahmen und auf den 35-Jährigen und weitere Afrikaner losgehen wollten, kam zufällig eine Anwohnerin dazu und die Situation beruhigte sich wieder. Die Frau hat bisher keine Probleme mit den Flüchtlingen gehabt: „Es läuft alles einwandfrei, die Flüchtlinge sind sehr freundlich.“

Seit dem Vorfall hat Ibrahim schlaflose Nächte: „Es war ein Scheiß-Gefühl. Ich bin nach Deutschland gekommen, um in Sicherheit zu leben, was ich in meinem Heimatland nicht kann. Jetzt bin ich hier und muss wieder Angst um mein Leben haben.“ Der Sudanese hofft, dass ihn die Polizei künftig besser beschützt. „Die Unterkunft wird im Rahmen unserer Streifendienste künftig häufiger angesteuert werden“, kündigte Polizeisprecher Thorsten Wallheinke auf CZ-Nachfrage an.

Angesichts der vielfältigen und vor allem ehrenamtlichen Betreuung von Flüchtlingen in Eschede zeigte sich Ortsbürgermeisterin Stephanie Bölke (CDU) „total entsetzt“ über die Vorfälle: „Es macht mir schon Angst, was für extremistische Strömungen sich hier Bahn brechen.“ Doch die Ansicht der beiden Täter spiegele nicht ansatzweise das Meinungsbild der Escheder Bevölkerung wieder. Egal ob die „Garagenuni“ in Habighorst, kostenlose Deutschkurse, bereitgestellte Privatwohnungen oder die jüngste Aktion der Initiative „Zusammen“, als sudanesische Flüchtlinge für die Gäste gekocht haben: „Es ist hervorragend, was ehrenamtlich alles in Sachen Flüchtlings-Betreuung geleistet wird“, sagt Bölke. „Wir lassen uns von solch zwei Vollidioten nicht entmutigen, im Gegenteil.“

Von Kai Knoche