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Eschede Tage von Mariaglück sind gezählt
Celler Land Eschede Tage von Mariaglück sind gezählt
18:04 19.06.2012
Rainer Selbach und Klaus Rumphorst - im Fˆrderkorb vor der Auffahrt. Quelle: Joachim Gries
Höfer

HÖFER. „Sie werden hier unten der letzte Reporter sein“, sagt Rainer Selbach. Hier unten, das ist auf Sohle 626 im Schacht Mariaglück, 626 Meter unter Höfer. Bis 1977 wurden hier Steinsalz und Kali abgebaut, längst sind übertage das Fördergerüst und die Fabrikhallen verschwunden, in denen die Bodenschätze weiterverarbeitet wurden. Selbach ist Betriebsführer und bekleidet bei der K+S Aktiengesellschaft den Posten „Leiter Verwahrung“.

Die Fahrt in die Tiefe ist heute nur noch mit der Autowinde möglich. Dann wird der Deckel über dem Schacht beiseite geschoben und der Förderkorb hinab gelassen. Rund zehn Minuten dauert die Fahrt bis in 626 Meter Tiefe. Im Schacht mit 5,50 Metern Durchmesser sind dicke Balken einer Holzkonstruktion verbaut. Auf den ersten 200 Metern ist das Rund von Tübbingen eingefasst, gußeisernen Segmenten, die miteinander verschraubt sind und in den wasserführenden Schichten die Dichtigkeit sicherstellen sollen. Darunter führt Ziegelmauerwerk in die Tiefe. Bei 710 Metern ging es früher ohne Ausbau weiter. Die tiefste Sohle lag bei 890 Metern, der so genannte Sumpf reichte bis 920 Meter. Heute ziehen im Schacht Mariaglück die Wetter auf, beim Schacht Habighorst auf der Habighorster Höhe ein paar Kilometer weiter ziehen die Wetter ein. So wird das gesamte Grubengebäude mit Frischluft versorgt.

Von Sohle 626 geht es heute nicht mehr viel tiefer. Neben einem Blindschacht führt die Stahlleitung, die die Grube mit Aschauwasser flutet, in die Tiefe. Im Schein einer Taschenlampe ist unten der Wasserspiegel zu erkennen. Heute tritt unten kein Wasser aus. Wenn der automatische Pegel an der Aschau zwischen Höfer und Beedenbostel Niedrigwasser meldet, wird der Zufluss vom Heidebach gestoppt.

Auf einer abschüssigen Strecke lenkt Selbach das geländegängige Fahrzeug bis auf knapp 648 Meter. Bis hierhin ist inzwischen die Salzlauge gestiegen, die entsteht, wenn das eingeleitete Wasser das umgebende Salz anlöst. Die Sole ist so gesättigt, dass auf der Oberfläche Kristalle schwimmen. Dazu trägt auch die Wärme in der Tiefe bei, hier herrschen 30 Grad, das Wasser nimmt die Temperatur des Gebirges an.

Ende kommenden Jahres, Anfang 2014 soll der komplette Schacht geflutet sein. Seit Mai 2005 wird Wasser eingeleitet. Von den 5,4 Millionen Kubikmetern Hohlraum sind inzwischen 4,2 Millionen verfüllt. Pro Monat steigt das Wasser um ein bis zwei Meter, je nach Fläche, die zu verfüllen ist und je nach Wasserangebot, das zur Verfügung steht.

Die Laugen aus dem Atommüllendlager Asse, die nach Höfer geliefert werden, tragen zur Verfüllung nur einen Bruchteil bei. Jeden Monat fahren etwa drei Tage lang die Tanklastzüge in Höfer vor und lassen die Fracht kontrolliert in die Tiefe rauschen. Zwölf Kubikmeter Lauge dringen täglich in die Asse ein, werden aufgefangen und nach oben gepumpt. Vor dem Transport nach Höfer wird die Lauge freigemessen. Die Strahlenbelastung liege unter einem Zehntel des erlaubten Wertes, sagt Klaus Rumphorst, Leiter Inaktive Werke bei der K+S. Die Verträge mit der Asse sind inzwischen gekündigt und laufen aus, denn in Höfer rückt das Ende der Verfüllung näher.

Hat der Wasserspiegel die 400-Meter-Marke erreicht, wird auf die Lauge eine Süßwasserkappe gesetzt. Sie soll verhindern, dass sich das Grundwasser mit der Salzlauge verbindet, wenn eines Tages die Tübbinge undicht werden sollten. Die Schächte in Höfer und Habighorst werden dann mit bis zu 40.000 Tonnen Schotter und Kies gefüllt. Oben drauf wird zum Schluss ein 60 Tonnen schwerer Betondeckel platziert.

Etwa fünf Jahre nach Abschluss der Arbeiten kann das Gelände aus dem Bergrecht entlassen werden. Das Gelände ringsum bleibt unter Beobachtung. Rund 200 Nivellementpunkte wurden auf den Flächen angelegt, unter denen früher Salz abgebaut wurde. Sie werden jedes Jahr kontrolliert, um ein mögliches Absacken des Geländes zu erkennen. „Wir wollen möglichst viele Daten haben“, sagt

Rumphorst und spricht von einem Beweissicherungsverfahren. „Wir wollen schauen, ob wir das, was wir als graue Theorie kennen, hier auch vorliegen haben.“

Während des Zweiten Weltkriegs wurden in drei Kammern in 626 Metern Tiefe Flugzeugteile gefertigt, Munition wurde in Mariaglück nie gefertigt. Große Schätze wurden hier von den Nazis nie eingelagert. „Keine Spur vom Bernsteinzimmer hier unten“, sagt Rumphorst.

Alle Öle, alle Fette werden aus dem Schacht entfernt, bevor er endgültig im Wasser versinkt. Zurückgelassen werden Installationen, Werkzeuge und Maschinen. Alles ist versalzen. Heute gibt es auf der 626-Meter-Sohle in unmittelbarer Nähe des Förderkorbs noch einen Werkstattbereich. Hier steht auch ein flacher Radlader, dessen Schaufel vier Tonnen Salz aufnehmen kann. Maschinen und Werkzeuge werden heute nur noch eingesetzt, um die Sicherheit des Schachts zu gewährleisten – solange sich noch Mitarbeiter unter Tage bewegen.

Von Joachim Gries