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Hambühren Missbrauch: Kirche in der Kritik
Celler Land Hambühren Missbrauch: Kirche in der Kritik
17:57 17.02.2012
Von Simon Ziegler
Ovelgönne

Nach dem Ende des Missbrauchsprozesses am Celler Amtsgericht wird Kritik an der Rolle der evangelischen Kirche laut. Denn niemand hat den am Mittwoch zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilten früheren Jugendbetreuer daran gehindert, über einen Zeitraum von mindestens eineinhalb Jahren mehrere Mädchen sexuell zu missbrauchen oder sie zu belästigen.

Nur schwer nachvollziehbar erscheint heute, dass der 29-jährige Mann von einer ehrenamtlichen Pastorin aus Hambühren an den Kirchenkreis Celle „empfohlen“ wurde, nachdem das Arbeitsverhältnis in Ovelgönne Anfang 2010 beendet wurde. Zu diesem Zeitpunkt brodelte die Gerüchteküche in Hambühren bereits gewaltig. Selbst die Pastorin sagte vor Gericht aus, sie habe den Jugendbetreuer darauf hingewiesen, dass er die Distanz zu Jugendlichen zu wahren habe. Trotzdem durfte der jetzt wegen schweren sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen verurteilte Mann in seinem neuen Job beim Kirchenkreis Celle eine weitere Jugendfreizeit mitorganisieren. Die fand im Sommer 2010 in Norwegen statt.

Superintendent Hans-Georg Sundermann sagt, dass es ab Ende 2009 zu Schwierigkeiten zwischen dem Jugendbetreuer und den Jugendlichen gekommen sei. „Diese lagen nach Auskunft des Kirchenvorstandes definitiv nicht im Bereich von sexuellen Übergriffen.“ Die Pastoren hätten, was auch vor Gericht bestätigt wurde, das persönliche Gespräch mit Jugendlichen gesucht. Die Mädchen sollen in diesen Gesprächen sexuelle Kontakte zu dem Mann bestritten haben, weil sie offenbar noch nicht bereit waren, mit Kirche oder Eltern zu reden. Dem Kirchenkreis, so Sundermann, seien zum damaligen Zeitpunkt demnach auch keine Fakten bekannt gewesen, „die dazu hätten führen müssen, ihn nicht an der Jugendfreizeit nach Norwegen zu beteiligen“. Erst im Zusammenhang mit der Strafanzeige vom 24. Juli 2010 habe man von den Anschuldigungen erfahren. „Der Kirchenkreis hat dann sofort reagiert, ihm das Betreten kirchlicher Diensträume untersagt und das Arbeitsverhältnis zum 30. Juli aufgelöst“, so der Superintendent.

Schwer wiegt auch, wie einfach es dem Erzieher gemacht wurde, sich an Mädchen zu vergreifen. Denn er fuhr mehrmals als einziger Erwachsener bei Kirchenfreizeiten der Jugendlichen mit. „Wenn nur ein Mann auf einer Freizeit einer gemischten Gruppe dabei ist, ist das aus meiner Sicht nicht in Ordnung“, sagte Kirchenkreissprecher Uwe Schmidt-Seffers. Bei der evangelischen Kirche ist es aber nicht eindeutig geregelt, wieviele Erwachsene bei Freizeiten mitfahren müssen. „Es gibt keine schriftlichen oder gesetzlichen Vorgaben“, so Landesjugendpastorin Cornelia Dassler. Sie kann lediglich auf Förderkriterien in der Landeskirche verweisen. Finanzielle Unterstützung für Kirchenfreizeiten wird demnach nur dann gewährt, wenn bei gemischtgeschlechtlichen Gruppen mindestens eine Teamerin und ein Teamer dabei seien. Ehrenamtliche Helfer müssten zudem eine Selbstverpflichtungserklärung zur Verhinderung von Gewalt unterzeichnen, professionelle Betreuer ein Führungszeugnis vorlegen.

Ob das Eltern in Hambühren besänftigt, darf bezweifelt werden. Denn es werden weitere Vorwürfe gegenüber der Kirche geäußert. Die Jugendlichen seien enttäuscht, weil sie sich dem Vorwurf ausgesetzt sahen, sie hätten Konflikte mit ihrem damaligen Jugendbetreuer selbst heraufbeschworen, heißt es. Zudem habe sich die Kirche bis heute nicht entschuldigt.

Die Kirche sieht das anders: „In Gesprächen, Gottesdiensten und im Gemeindebrief der Kirchengemeinde Oldau-Ovelgönne hat die Kirche die Geschehnisse mit Erschrecken und Bedauern zur Sprache gebracht. Die Verantwortlichen der Kirche würdigen darüber hinaus ausdrücklich, dass die Jugendlichen in der Kirchengemeinde Oldau-Ovelgönne es gemeinsam verstanden haben, in der schwierigen Situation zusammenzustehen und so die lebendige Jugendarbeit der Gemeinde fortzuführen“, sagt Sundermann.

Unterdessen sieht sich der verurteilte Sexualstraftäter, der noch Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen kann, einer Schmerzensgeldforderung von 20.000 Euro ausgesetzt. „Wir werden die Summe gerichtlich einklagen“, sagte Opferanwalt Matthias Doehring, der im Prozess die Nebenklägerin vertreten hatte.