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Eicklingen Celler Journalist Andreas Babel referiert über "Euthanasie" im Zweiten Weltkrieg
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19:19 27.11.2017
Journalist Andreas Babel referierte über „Euthanasie“ im Zweiten Weltkrieg. Quelle: Dietrich Schmidtsdorff
Eicklingen

Im Mittelpunkt seines Berichts stand Dr. Helene Darges-Sonnemann (1911 bis 1998). Sie war nach dem Zweiten Weltkrieg Leiterin der Kinderklinik am Allgemeinen Krankenhaus Celle und ist manchen heute noch in Erinnerung durch ihre menschenverachtenden Ansichten. „Stellen Sie das Kind ans offene Fenster, dann sind Sie das ‚Übel‘ bald los“, war einer der Sätze, die sie Eltern sagte, die mit einem behinderten Kind zu ihr kamen.

Bis kurz vor Kriegsende betreute Sonnemann mit 14 weiteren Ärztinnen in der Hamburger Klinik Rothenburgsort behinderte Kinder. Mindestens 56 Kinder, so Babel, wurden getötet, um sie vor einem vorgeblich „lebensunwerten“ Dasein zu bewahren. Das Stichwort Euthanasie (griechisch: „schöner leichter Tod“) war Tarnung, die Realität ganz einfach Mord. Wer im Einzelfall die Luminal-Spritze setzte, wurde verschleiert. Immerhin, vier der Hamburger Medizinerinnen machten da nicht mit. Die zehn anderen aber entwickelten keinerlei Unrechtsbewusstsein, wie sich in Vernehmungen nach 1945 ergab. Es existierte kein Gesetz, nur ein so genannter Führer-Erlass. Einem dreiköpfigen Reichsausschuss waren – Hebammen erhielten Prämien – Verdachtsfälle zu melden. Die drei Herren gaben grünes Licht für die weitere „Behandlung“, im Klartext hieß das: Spritze, Lungenentzündung, Tod.

Im Hamburger Bombenhagel musste die Klinik aufgegeben werden. Helene Sonnemann führte 200 Kinder, 60 Krankenschwestern und ein halbes Dutzend Ärztinnen bis nach Celle. Hier wurde sie nach Kriegsende angestellt, hier traf sie auch ihren späteren Mann Fritz Darges (1913 bis 2009), vormals SS-Obersturmbannführer und Adjutant Adolf Hitlers. Im Nachkriegs-Celle sah man das alles nicht so eng. Darges wurde sogar als Kreis-Geschäftsführer des DRK eingesetzt.

Babel stellte einige der Kinder vor, denen die Naziideologie das Weiterleben verwehrte. Da kam bei den Zuhörern ebenso Beklemmung auf wie bei der Schilderung eines Kinderlagers und von 22 Kindergräbern in Papenhorst. Auch in Bergen, Wietze und Unterlüß soll es derartige Einrichtungen für Kinder von Zwangsarbeiterinnen gegeben haben, sagte Babel.

Die Recherche geht weiter. Es gebe auch Jahrzehnte nach Kriegsende immer noch „schwarze Löcher im Keller“. Eine lebhafte Diskussion beendete den Abend.

Wer mehr wissen möchte: Seit 2016 liegt die zweite Auflage von „Kindermord im Krankenhaus: Warum Mediziner während des Nationalsozialismus in Rothenburgsort behinderte Kinder töteten“ (Edition Falkenberg, ISBN 978-3-95494-057-8) vor.

Von Dietrich Schmidtsdorff