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Eicklingen Ehemaliges Heimkind aus Eicklingen klagt weiter
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16:34 21.07.2017
BildunterschriftBildunterschrift Quelle: Maurizio Gambarini
Eicklingen

Seit einigen Jahren kämpft der Eicklinger als ehemaliges Heimkind vor Gericht um eine Entschädigung – bisher erfolglos. Vor dem Sozialgericht Lüneburg unterlag er mit seiner Klage, der Widerspruch liegt nun beim Landessozialgericht in Celle. Franz fordert mithilfe seiner Anwältin eine Entschädigung für die Zeit voller Misshandlungen, entweder in Form einer einmaligen Zahlung in Höhe von rund 50.000 Euro oder einer monatlichen Rente von 500 Euro.

Mitte 1948 kamen Franz und seine Schwester Ingrid in das Aufnahme- und Sammelheim Hamburg-Volksdorf. Nach vier Monaten wurden die Kinder in ein heilpädagogisches Heim nach Hamburg-Uhlenhorst verlegt. Es war ein geschlossenes Heim mit vergitterten Fenstern und verschlossenen Türen. Es gab keinen Ausgang, Schulbesuch war nicht möglich. Die Erzieher unterrichteten die Kinder. Schreiben und Lesen fiel Franz damals schwer. "Ich wurde an den Kopf geschlagen, an den Ohren gezogen und an den Schultern geschüttelt", erinnert er sich. "'Begreif das endlich' haben sie immer gesagt."

Franz war zehn Jahre alt, als er in ein Heim nach Hamburg-Niendorf verlegt wurde. 30 Kinder im Alter zwischen 7 und 14 Jahren mussten Feld- und Gartenarbeit sowie Küchendienst leisten, Wäsche waschen und die Sickergrube leeren. Gewalt hat Franz auch dort erfahren. 1956 verließ er das Heim und absolvierte eine Lehre zum Orthopädiemechaniker.

Als Franz vom Verein ehemaliger Heimkinder erfuhr, "kamen die Erinnerungen zurück, was das für eine Sauerei damals war". Er fordert Gerechtigkeit. 2006 fragte er beim Jugendamt in Hamburg an, ob noch Unterlagen zu seinem Heimaufenthalt existierten, doch das war nicht der Fall. Ihm wurde lediglich bestätigt, dass es die Heime gab.

Im Januar 2012 beantragte Franz beim zuständigen Amt in Hamburg eine Versorgung nach dem Opferentschädigungsgesetz. Monate später wurde der Antrag abgelehnt, weil Franz' Misshandlungen nicht nachgewiesen werden können. Also zog Franz vor Gericht und wartet bis heute darauf, Recht zu bekommen. Ein Lüneburger Richter tat die Misshandlungen, die Franz widerfahren sind und die Ärzte als Auslöser beispielsweise für Franz' Schlaganfall sehen, sogar als "Rangelei" ab – ein weiterer Schlag ins Gesicht für den 77-Jährigen.

Einen Teilerfolg hat Franz immerhin verbuchen können. Aus dem Fonds "Heimerziehung West", den der Bund, die westdeutschen Bundesländer, die beiden großen Kirchen, der Deutsche Caritasverband, das Diakonische Werk der evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Ordensobernkonferenz eingerichtet haben, bekam Franz 10.000 Euro zugesprochen: 3000 Euro zur freien Verfügung und 7000 Euro auf Antrag für Dinge des täglichen Bedarfs. Mit dem Fonds sollten bis Ende 2016 die Ansprüche von 700.000 bis 800.000 Kindern und Jugendlichen bedient werden, die zwischen 1949 und 1975 in Heimen lebten und denen dabei Leid zugefügt wurde.

Der in dieser Woche bekannt gewordene Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen hat Franz aufgewühlt, seine Erinnerungen sind wieder ganz präsent. Eine vom Gericht zugesprochene Entschädigung würde ihm helfen, mit seiner Vergangenheit abzuschließen. "Es wäre eine Genugtuung", sagt Franz mit fester Stimme.

Von Amelie Thiemann