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Eicklingen Zeitzeugin beeindruckt Schüler der Oberschule Flotwedel
Celler Land Samtgemeinde Flotwedel Eicklingen Zeitzeugin beeindruckt Schüler der Oberschule Flotwedel
18:17 18.01.2017
Eicklingen

Blumenthal Lazan steht vor ihnen, vor sich auf dem Tisch ihr Manuskript, in das sie immer wieder kurz schaut, Bücher, Erinnerungsstücke, Fotografien. Sie spricht Deutsch, ihre Muttersprache, mit der sie in ihrer Kindheit in Hoya und Hannover groß wurde. Hin und wieder weicht sie ins Englische aus, seit 1948 lebt sie in den USA, wo sie 1953 Nathaniel Lazan heiratet. Er ist gestern in Eicklingen dabei, er fotografiert, er gibt ihr Stichworte.

Die Blumenthals sind Juden, der Vater hat ein Schuhgeschäft in Hoya, das er 1938 verkauft. Die Familie hat den Entschluss gefasst, Deutschland zu verlassen, will in die USA auswandern. "Das Leben für Juden wurde sehr schwierig", sagt sie. Damals war sie vier Jahre alt. Nach der Reichspogromnacht 1938 wird ihr Vater verhaftet und ins KZ Buchenwald gebracht, nach elf Tagen wird er wieder freigelassen.

Anfang 1939 reist die Familie in die Niederlande aus, als ein Jahr später die Wehrmacht das Land besetzt, scheitern die Ausreise in die USA, später die Auswanderung nach Palästina. Am 1. April 1944 wird die vierköpfige Familie – sie, ihr vier Jahre älterer Bruder, ihre Eltern – ins KZ Bergen-Belsen gebracht. Kurz vor der Befreiung des Lagers wird die Familie in einen Zug Richtung Osten gepfercht, zwei Wochen ist er unterwegs. "Dieser Zug war Bergen-Belsen auf Rädern", sagt Blumenthal Lazan. Unterwegs starben 500 der 2500 Insassen.

1996 veröffentlichte sie unter dem Titel "Four Perfect Pebbles" ihre Lebensgeschichte. In 28 Auflagen ist sie bisher erschienen, dazu in deutscher, holländischer hebräischer und japanischer Übersetzung. Vier Kieselsteine, das war im KZ mit Schmutz, Hunger, Entbehrung, Erniedrigung ihr "Aberglaube": Wenn sie vier jeden Tag annähernd gleiche Steine finde, bleibe die Familie zusammen. Sechs Wochen nach der Befreiung starb der Vater an Fleckfieber.

Lucca Marquardt aus der 9c ist beeindruckt, dass Blumenthal Lazan mit ihrer Geschichte so einfach klarkommt und so unbelastet darüber sprechen kann. Die steht derweil vorn im Raum, tauscht sich mit Schülern aus, lächelt für Selfies in Smartphones.

"Die waren schon angetan", sagt Konrektorin Nicole Wille über ihre Schüler. Lebensnah und nachvollziehbar habe Blumenthal Lazan ihr Leben geschildert. Wille freut sich, dass sie im September wiederkommen wird, um dann in der Sporthalle vor allen Schülern der Oberschule zu sprechen.

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten hat die Geschichte der Familie Blumenthal unter dem Titel "Vier Kieselsteine" jetzt für den Unterricht an Schulen überarbeitet. Mit Marion Blumenthal Lazan wurde das Material für Schüler ab neun Jahren und Lehrer am Montag im Kultusministerium in Hannover vorgestellt.

Von Joachim Gries