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Wienhausen Auf Spuren klösterlicher Textarbeit
Celler Land Samtgemeinde Flotwedel Wienhausen Auf Spuren klösterlicher Textarbeit
11:44 08.09.2016
Ein Kalenderblatt aus dem 15. Jahrhundert(Fund im Nonnenchor 1953). Quelle: Rolf-Dieter Diehl
Wienhausen

Vorangegangen war die jeweils eigenständige Sichtung und Erforschung des digitalisierten, mehr als 10000 Seiten umfassenden Bestandes von 500 bis 600 Jahre alten mittelalterlichen Handschriften. Darunter Überbleibsel der in der Reformation verloren gegangenen Klosterbibliothek sowie individuelle Schriftzeugnisse damaliger Nonnen aus dem berühmten „Fund im Nonnenchor“ von 1953, als man bei Renovierungsarbeiten unter den Eichenbohlen im Jahrhunderte alten Staub auf „Relikte der Frömmigkeit und des täglichen Bedarfs“ gestoßen war: handgeschriebene Gebetszettel und Kalender, Textteile und Fragmente, aber auch Rosenkränze, Sehhilfen, Kerzen und Heiligenbilder. Ein ungemein spannendes Sammelsurium von Zeitdokumenten.

Die promovierte Historikerin Simone Schultz-Balluff von der Ruhr-Universität Bochum war im Rahmen ihrer jüngst erfolgreich abgeschlossenen Habilitation bei einem Besuch im Klosterarchiv auf die Handschriften aufmerksam geworden. Sie hatte daraufhin – unterstützt von der Klosterkammer Hannover und der VGH-Stiftung – das Treffen initiiert und auch dessen Leitung übernommen. Gemeinsam mit dem Mitorganisator Wolfgang Brandis erhoffte sie sich dadurch weitere interessante Aufschlüsse über das Leben und die Arbeit der Nonnen des Klosters Wienhausen im Mittelalter.

Im Gespräch mit der CZ berichteten die Beteiligten am Mittwoch von der Begeisterung, die bei der Sichtung, Begutachtung und Auswertung von „immer wieder neuem Alten“ der einst verborgenen Schätze aufgekommen war. Viele überraschende „Wow“-Erlebnisse habe man dabei gehabt, schildert Schultz-Balluff. Etwa beim Studium der akkurat ausgefüllten Kalenderblätter samt Einkaufslisten oder der bis hin zum individuellen Schürzenverbrauch penibel geführten Kleiderregister. Aber auch die Rezeptbücher gaben – von der Herstellung von Pflanzenfarben und Tinte bis zur Anwendung von Kräutern und der Rezeptur von Tierarznei – interessante Aufschlüsse über die Durchführung von Handarbeiten sowie die Nutztierhaltung im klösterlichen Alltag. Und bei all dem zeigte sich die Wissenschaftlerin immer wieder beeindruckt vom „professionellen Umgang der Nonnen mit Sprache und Schrift“, nicht nur bei den persönlich ausformulierten Gebetszetteln, sondern auch bei einem simplen Brotbestellzettel.

Die Gäste bedankten sich ausdrücklich für die idealen Forschungsbedingungen, durch die von Brandis vorgenommene Digitalisierung und die daraus resultierende verlustfreie Kopierbarkeit „ungestört auf die zusammengeklaubten Handschriften zugreifen zu können“.

Von Rolf-Dieter Diehl