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Wienhausen Gegenpol zur Wegwerfgesellschaft
Celler Land Samtgemeinde Flotwedel Wienhausen Gegenpol zur Wegwerfgesellschaft
17:25 04.08.2017
Von Audrey-Lynn Struck
Quelle: Oliver Knoblich
Wienhausen

Das Herzstück der Ausstellung "Gourmet und Garden" bilden neben den Blumen eindeutig die Stände der Kunsthandwerker. Wasserspeier stehen neben kleinen Kobolden aus Zement, die um ein Dame-Spielfeld gruppiert sind. Große Mondskulpturen konkurrieren mit bunt bemalten Tonfiguren um die Aufmerksamkeit der vorbeigehenden Besucher. In einem Zelt kann man auf einem Gemälde einen weißen Tiger bewundern, der so plastisch gemalt ist, dass man meinen könnte, es handele sich um Fotografie.

Die meisten Aussteller kommen seit Jahren nach Wienhausen und arbeiten schon nahezu ihr ganzes Leben im Kunstgewerbe. Der Begriff Kunstgewerbe trat erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Er war durch den Prozess der Industrialisierung entstanden. Denn die Fabriken und Manufakturen hatten die Handwerker durch Massenproduktionen immer weiter an die Seite gedrängt. Dieser Statusverlust des handwerklichen Gewerbes hatte auch zurückgehende Absätze zur Folge. Daher mussten die Handwerker einen Weg finden, sich abzuheben. Sie warben mit der Individualität und Ästhetik ihrer Ware und mit der Qualität der eingesetzten Materialien.

Auf diese beiden Komponenten legen auch die Aussteller in Wienhausen größten Wert. Dem Massenkonsum setzen sie Produkte größter Qualität entgegen. Sie benutzen die teuerste und beste Galeristenfarbe der Welt, um ihre Gemälde zu malen oder wiederverwerten alte Stahlträger in ihren Arbeiten, um einen Gegenpol zur heutigen Wegwerfgesellschaft zu bilden. Dadurch werden die Produkte zwar teurer, aber auch hochwertiger und somit langlebiger.

Diesen Preis sind allerdings immer weniger Menschen in Deutschland bereit zu zahlen. Sie wollen bestmögliche Qualität für wenig Geld. Das bekommen auch die Kunsthandwerker immer mehr zu spüren. Ein Aussteller berichtet, dass auch in Wienhausen, die Kaufkraft der Besucher in den vergangenen Jahren nachgelassen habe. Die 49-jährige Sandra Pollet betreibt zusammen mit ihrem Mann eine Steingalerie. Sie erzählt, dass viele Besucher nur noch gucken anstatt zu kaufen. Hier in Wienhausen wäre das erfahrungsgemäß vor allem am Donnerstag der Fall. "Samstags und Sonntags machen wir immer den größten Umsatz", sagt Pollet.

Fast alle Aussteller stellen dennoch immer wieder gerne ihre Ware in Wienhausen aus. Im Vergleich zu anderen Veranstaltungen erziele man hier immer noch gute Gewinne, so Pollet. Der Grund hierfür sind nicht nur die hohen Standards und der immense Aufwand, sondern auch die Eintrittspreise. Sie stehen für ein zahlungskräftiges Publikum, das bereit ist, sein Geld in Nachhaltigkeit zu investieren. "Ich habe Kunden, die extra aus Magdeburg kommen, um meine Tonstatuen zu kaufen", erzählt die Kunsthandwerkerin Ursula Kolbeck-Friedrich. Die meisten Aussteller haben ebenfalls viele Stammkunden, die jedes Jahr aufs Neue zu "Gourmet und Garden" kommen, um ihre "Lieblingsprodukte" zu kaufen und gleichzeitig das Ambiente zu genießen.