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Wienhausen Nonnenchor beeindruckt mit reich verzierten Wänden (mit Bildergalerie)
Celler Land Samtgemeinde Flotwedel Wienhausen Nonnenchor beeindruckt mit reich verzierten Wänden (mit Bildergalerie)
12:58 03.08.2018
Wienhausen

Die gedrungenen, weiß verputzten Kreuzgänge bereiten Besucher nur unzureichend auf das vor, was sie im Nonnenchor erwartet. Denn die Wände dieser Halle sind so vollständig bemalt, dass im ersten Moment Farben, Formen, und Details nur so auf unbedarfte Betrachter einstürzen. Erst nachdem das anfängliche Staunen überwunden ist, lässt sich die Aufmerksamkeit Stück für Stück auf Einzelheiten richten. Gegliedert in Abschnitte haben die Maler ein reiches theologisches Programm visualisiert.

Von außen lässt das nüchterne Backsteinwerk des Klosters Wienhausen die Pracht, die sich in seinem Inneren befindet, nicht erahnen. Doch das Nonnenkloster zählt nicht umsonst zu den schönsten erhaltenen Sakralräumen aus der Zeit der Gotik. CZ-Mitarbeiter Jonas Peisker hat sich im Inneren umgeschaut.

„Man ist von der Fülle der Malereien zunächst einmal überwältigt“, findet auch Vera Rathsfeld, eine Konventualin des Klosters, die durch die Räumlichkeiten führt. Mit sichtbarer Freude berichtet sie von den vielfältigen Geschichten, die auf den Wänden des Chores abgebildet sind, „in aller Kürze“, wie sie lachend sagt. Für mehr als einen kurzen Überblick ist in wenigen Minuten schlicht keine Zeit. Wie in einem Kloster zu erwarten, stellt die überwiegende Mehrheit der Malereien Szenen aus der Bibel dar. Aber auch einige Alltagsszenen sind auf den Wänden des Chores abgebildet. Die sogenannten Monatsbilder zeigen zum Beispiel die Bewirtschaftung der umliegenden Felder und Wälder.

Die untere Reihe, die sich einmal um den gesamten Chor zieht, bildet das Leiden von Märtyrern auf der einen und von Märtyrerinnen auf der anderen Seite der Halle ab. Die Qualen sind äußerst eindringlich dargestellt, sodass man sich aus heutiger Perspektive zweifellos glücklich schätzen muss, nicht im Mittelalter zu leben. Darüber wurden viele Schlüsselszenen der Bibel verewigt, angefangen mit der Schöpfungsgeschichte über den Sündenfall bis hin zu Tod und Auferstehung Jesu Christi. Der obere Teil der Wände und die Decke vermitteln die damalige Vorstellung des Paradieses als leuchtende Stadt Jerusalem.

Gezielt setzten die Maler kräftiges Blau ein, um die Illusion zu schaffen, man blicke in den Himmel. Da es sich damals wie heute um ein Nonnenkloster handelte, ist das weibliche Element an manchen Stellen stark ausgeprägt. So haben es hier etwa gleich mehrere Frauen auf die Arche geschafft.

Über die Maler selbst ist wenig bekannt. Sie schufen ihr Werk um das Jahr 1330, also in der gotischen Epoche. Zu dieser Zeit wurden Individuen schlicht nicht als Künstler mit eigener Kreativität angesehen. Einen Grund, einfache „Handwerker“ geschichtlich zu überliefern, sahen ihre Zeitgenossen offenbar nicht. Dies änderte sich erst deutlich später, in der Renaissance. Unterschiede im Stil lassen lediglich darauf schließen, dass wohl sieben unterschiedliche Maler am Werk gewesen sein müssen.

Indizien weisen auf eine Braunschweiger Werkstatt hin, da die Wände des dortigen Doms in ähnlichem Stil und Technik verziert sind. Die Farbe wurde auf den schon trockenen Putz aufgetragen, weshalb diese Methode auch als Seccomalerei bezeichnet wird.

Nicht weniger faszinierend als die Malereien ist die Geschichte, die der Nonnenchor über das klösterliche Leben erzählt. Tiefe Mulden haben sich vor den Stühlen der Nonnen durch jahrhundertelange Abnutzung in die Eichenbohlen eingegraben. Die Sitzfläche der Stühle lässt sich hochklappen. Da Zeremonien nicht durch Lärm gestört werden dürfen, ist es beim Hinsetzen überaus wichtig, „die Klappe zu halten“. Darauf mussten Mädchen nicht achten, denn sie hatten früher auf schmalen Bänken direkt vor dem Äbtissinnenstuhl zu sitzen. Bis heute vollziehen die Nonnen jeden Freitagabend im Chor ihr Abendgebet mit liturgischen Gesängen.

Von Jonas Peisker