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Wienhausen Spannungsbogen zwischen Zurückhaltung und Impulsivität
Celler Land Samtgemeinde Flotwedel Wienhausen Spannungsbogen zwischen Zurückhaltung und Impulsivität
18:07 08.08.2010
Der Berliner Pianist Yorck Kronenberg bei seinem Konzert im Kloster Wienhausen. Quelle: Rolf-Dieter Diehl
Wienhausen

Der Spannungsbogen zwischen Zurückhaltung und Impulsivität bestimmte auch die Klaviervorträge. Kronenberg nutzte die interpretatorischen Freiräume in Chopins Kompositionen und setzte massiven Donner neben virtuoses Filigran-Gewebe. Er vermied agogische Maßlosigkeiten und vertiefte sich stattdessen in die Verästelungen dieser Musik, zauberte wundervolle lyrische Stimmungen, schuf einen klangvollen Chopin, der atmete, der Poesie und Analyse gleichermaßen verband. Bei der gewaltigen b-Moll-Sonate war man sogar fast ein wenig erstaunt, wie milde der Interpret bisweilen gestimmt war. Aber immer wieder fand Kronenberg den richtigen Zeitpunkt für den rhythmischen Aufbruch. Und doch: Spätestens beim „Marche funèbre“, dem berühmten „Trauermarsch“, wurde klar, dass Kronenberg sich bei aller Virtuosität mit dem Stück nach innen wendete, dass er nicht explodieren wollte, sondern implodieren. Denn er spielte diesen Satz mit einer geradezu ungeheuerlichen Zartheit und Dichte. Mit großartigem Gespür für den dramatischen Aufbau brachte er die filigrane Linie des sich majestätisch aufbäumenden Schmerzes zur Geltung. Dabei vermochte er die Dynamik bis an die unterste Grenze zurückzunehmen, ohne dass auch nur ein Hauch an innerer Spannung verloren ging. Eine beispielhafte Mischung aus balanciertem Gefühl und musikalischem Feuer, die auch die Nocturnes wie pure Poesie wirken ließ, wie eine Reflektion in tönend bewegter Form, die das Traumverlorene der Stücke weit mehr betonte als ihr durchaus aufblitzendes dramatisches Potenzial.

Der Berliner Pianist Yorck Kronenberg bei seinem Konzert im Kloster Wienhausen.

Von Rolf-Dieter Diehl