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Wienhausen Volkslieder im Trommeltakt
Celler Land Samtgemeinde Flotwedel Wienhausen Volkslieder im Trommeltakt
17:34 17.06.2016
Sie finden den gemeinsamen Takt (von links): die drei afghanischen Flüchtlinge Abdullah Rsolie, Abdul Razia Ahmadi, Assad Momini und Klaus Engling aus Bockelskamp.  Quelle: Michael Schäfer
Bockelskamp

Klaus Engling greift in die Saiten seiner Gitarre und stimmt „Gut, wieder hier zu sein“ von Hannes Wader an. Abdullah Rsolie, Abdul Razia Ahmadi und Assad Momini fallen ein und schlagen die Bongos und die Tabla. „Jungs, wie seid ihr drauf“, hat Engling sie vorher ermuntert. Es sei gar nicht so einfach für sie, deutsche Lagerfeuerlieder im Dreivierteltakt zu begleiten. Der komme in ihrer Kultur nicht vor, sie kennen den Viervierteltakt. Doch irgendwie klappt es.

Wie auch die Verständigung immer besser klappt. Mit Händen und Füßen und zunehmend mit der deutschen Sprache. Montag- bis Donnerstagnachmittag besuchen die Flüchtlinge in der von der Stiftung Linerhaus betreuten Wohngruppe auf dem Gelände des ehemaligen Christlichen Jugenddorfs in Westercelle den Sprachkurs. Sonst wird viel Fußball und Volleyball gespielt. Und es gibt viel Leerlauf.

Jeden ersten und dritten Freitag im Monat kommt Engling, dann wird Musik gemacht. Anfangs waren sechs minderjährige unbegleitete Flüchtlinge dabei, Abdullah Rsolie (16), Abdul Razia Ahmadi (17) und Assad Momini (17) sind übriggeblieben. „Sie haben Talent“, hat Engling entdeckt. „Sie haben die Musik als ihr Hobby entdeckt“, sagt Sozialpädagoge Deniz Karabulut, der die Wohngruppe als Teamleiter betreut. Assad hat für sich festgestellt: „Musik ist besser als Fußballspielen“. Karabulut hofft, dass die Jungs im Sommer einen Platz in der Sprinterklasse der BBS 2 bekommen, damit mehr Struktur in den Tagesablauf kommt und sie eine Aufgabe haben.

„Flüchtlinge spielen für Flüchtlinge“, unter diesem Motto waren Klaus Engling und sein Kollege Ed Gatzke am 30. Januar im DGH in Bockelskamp aufgetreten. Beide stammen aus Ostpreußen, beide wollten etwas für die Menschen tun, die in großer Zahl nach Deutschland gekommen waren. Mit den Spenden, die damals zusammenkamen, wurden die Instrumente gekauft, die heute zum Einsatz kommen. Dann entwickelte sich der Kontakt zwischen Engling und den jungen Afghanen. Nach intensivem Üben zwei Mal pro Woche standen sie als Gruppe „Wir“ beim Volksliederfestival Ende Mai in der CD-Kaserne auf der Bühne, vorläufiger Höhepunkt in der jungen Karriere der Gruppe. „Die Gedanken sind frei“, präsentierten sie mit einer individuellen Schlussstrophe. Dass sie bei der Berichterstattung gar nicht erwähnt wurden, hat Engling schon ein bisschen gewurmt.

Über den Iran, die Türkei, Griechenland und dann über die Balkan-Route sind die jungen Afghanen vor acht, neun Monaten nach Deutschland und dann Celle gekommen. Dass sie auf den 72-Jährigen Engling gestoßen sind, ist eigentlich ein Glücksfall. Ohne Reibereien geht es natürlich nicht ab, wenn unterschiedliche Kulturen zusammenkommen. Werden vereinbarte Zeiten nicht eingehalten, werde er „stinkig“, sagt der 72-Jährige. Er erwarte sich mehr Verbindlichkeit, wisse aber, dass das nicht von jetzt auf gleich gehe. „Das regeln wir“, ist er zuversichtlich.

Als Mann mit viel Pfadfinderwissen, dazu mit seiner Ausbildung als Heilerziehungspfleger und langer Berufserfahrung mit Jugendlichen hat er viele Ideen, was die jungen Männer aus Afghanistan erleben könnten. Lagerfeuer, Bootfahren auf der Aller, Bogenschießen, alles ist auf seinem Grundstück bei Bockelskamp möglich. Nur der Transport müsste geregelt werden. Und natürlich Musik machen. Engling wünscht sich, dass die Afghanen auch ihre Lieder singen. „Wir können viel voneinander lernen“, sagt er über den Kulturaustausch aus erster Hand.

Von Joachim Gries