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Eldingen Wer steckt hinter den Morden der RAF?
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17:52 10.06.2012
Corinna Ponto (links) und Julia Albrecht - signierten nach der Lesung ihr - gemeinsam verfasstes Buch. Quelle: Joachim Gries
Bargfeld

„Wo Sie hinkommen, Sie geraten an Wände, an unvollständige oder verschwundene Akten“, sagte Corinna Ponto nach ihrer Lesung zusammen mit Julia Albrecht am Sonnabend in Bargfeld. 110 Zuhörer hatten den Autorinnen gelauscht, deren Buch „Patentöchter. Im Schatten der RAF – ein Dialog“ 2011 erschienen ist. Offen bleiben Fragen, warum auch 35 Jahre nach dem deutschen Herbst Verstrickungen des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und der westdeutschen Geheimdienste in den Terror der Roten Armee Fraktion nicht aufgeklärt werden.

Am 30. Juli 1977 wurde der Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto in seinem Haus von Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt erschossen. Susanne Albrecht, die dritte RAF-Terroristen am Tatort, hatte das Treffen mit Ponto vereinbart wurde. Die Familien Ponto und Albrecht waren eng befreundet, seit die beiden Männer sich Mitte der 1940er Jahre kennengelernt und zusammen studiert hatten. Corinna Ponto, Jahrgang 1957, war die Patentöchter von Hans-Christian Albrecht. Julia Albrecht, Jahrgang 1964, die Schwester von Susanne Albrecht, die Patentochter von Jürgen Ponto.

Nach dem Mord bricht der Kontakt zwischen den Familien ab. Erst 30 Jahre später versucht Julia Albrecht, die Sprachlosigkeit und das Schweigen zu überwinden. Sie schreibt Corinna Ponto einen Brief. „Es ist der erste Dialog von Täterfamilien und Opfern der RAF“, sagte Dietrich von Hülsen bei der Einführung vor der Lesung. Nach der Antwort von Corinna Ponto treffen sich die beiden Frauen auf dem Pariser Platz in Berlin. „Dass sie mich in die Arme nahm, fand ich unglaublich. Und extrem erleichternd“, schreibt Julia Albrecht.

Die beiden Frauen verabreden, den Dialog schreibend fortzusetzen. Das Buch blickt zurück, auf die Freundschaft der Väter, auf Begegnungen der beiden Familien bei Feiern. Und auf die Tat. „Meine Schwester war aus der Welt gefallen. Das war für mich als Kind kaum zu verkraften. Und wenn ich mir heute vorstelle, wie das für meine Eltern gewesen sein muss, weiß ich nicht, wie sie damit haben leben können“, schreibt Julia Albrecht.

Sie sieht ihre Schwester erst 1990 wieder, als die in Ostberlin verhaftet wird. Die sie ganz vergessen hatte, weil in ihrer neuen Identität als Ingrid Becker, die ihr das MfS verpasst hatte, kein Platz für diese Schwester war. „Die Eltern setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um Susanne zu helfen. Der beste Anwalt. Alles für die Tochter zu tun. Für das verlorene Kind“, schreibt Julia Albrecht. Es wird noch 17 Jahre dauern, bis sie sich an Corinna Ponto wendet.

In einer Erklärung im Mai 2010 lehnen ehemalige Angehörige der RAF jede Hilfe bei der Aufklärung der Vergangenheit ab. „Für sie gibt es bis heute keine persönliche Verantwortung“, sagt Corinna Ponto. Sie verstehe nicht, dass die Generation, die von ihren Vätern Aufklärung verlangte, eine Aufarbeitung verweigert im Bezug auf die eigenen Verbrechen.

Von Joachim Gries