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Lachendorf Die Neugier kommt im Wald von ganz allein
Celler Land Samtgemeinde Lachendorf Lachendorf Die Neugier kommt im Wald von ganz allein
23:48 23.10.2015
Waldpädagoge Martin Tripp demonstriert, welche Spur ein flüchtender Hirsch hinterlässt. Stephan Batel und Christopher Gaede haben einen angefressenen Pilz entdeckt. Quelle: Joachim Gries / Benjamin Westhoff
Lachendorf

Tatort Wald: Mit blauem Band werden die Spuren an Zweigen und Bäumen markiert, Holzstecker weisen auf Fährten im Waldboden hin. Martin Tripp hat sogar Karten mit Zahlen dabei. Bevor er die Kamera zückt, legt er einen Zollstock neben die Spur, damit später auf dem Foto die Größe des Abdrucks zu erkennen ist. Alles wie im richtigen Krimi. Alex war auf jeden Fall hier, Timo auch, das verraten die eingeritzten Namen in der Buchenrinde. Um diese Täter geht es heute aber nicht.

Tripp ist Waldpädagoge, seine Kollegin Birte Riechers auch. Gemeinsam wollen sie an diesem Vormittag im Wald bei Lachendorf auf Spurensuche gehen. Welches Tier hat seine Fährten im Waldboden hinterlassen, wer hat an den Zweigen geknabbert, wer hat Löcher in den Baumstamm gebohrt? Heute lösen sie die Rätsel, die die Natur aufgibt, mit sechs Erziehern aus Schulen und Kindergärten, um Ideen für Waldspaziergänge und Antworten auf die Fragen zu geben, die die Natur und vor allem die Kinder stellen.

Riechers ist Försterin, Tripp Berufsjäger. Die Frage nach seiner Berufsbezeichnung beantwortet Tripp damit, dass der sich hauptsächlich um das Wild, der Förster aber um die Bäume kümmert. Die Niedersächsischen Landesforsten verdienten mit Wald und Wild ihr Geld, wobei aber das Wild kein großes Geschäft sei. Berufsjäger würden heute zunehmend von Jagdgenossenschaften angestellt, deren Mitglieder oft im fortgeschrittenen Alter seien. „Wir sind beide Waldpädagogen“, sagt er und berichtet von ihren Erfahrungen.

Mit Kindern und Jugendlichen sind sie vor allem im Wald, Erwachsene nehmen das Angebot der Waldpädagogen zunehmend auch an. Tripp erzählt von schwierigen Jugendlichen, die im Wald plötzlich interessiert und wie ausgetauscht sind. „Geh‘ raus mit denen in den Busch, dann kommen sie schnell runter“, ist seine Erfahrung. Und wenn Kinder im Wald die ersten Spuren entdecken, ist die Neugier geweckt.

Vorher im warmen Tipi, wo in der Feuerschale das brennende Holz knistert, hatte Tripp den sechs Erziehern die Unterschiede zwischen Sohlengängern und Huftieren erläutert. Während Dachs, Fuchs, Waschbär oder Wolf auf den Ballen laufen und bei ihren Fährten oft auch die Abdrücke der Krallen zu sehen sind, laufen Reh, Hirsch oder Wildschwein auf den Klauen der mittleren Zehen. Pferde sind Einhufer, das Schalenwild zählt zu den Paarhufern. Wildschweine hinterlassen im Untergrund immer auch Abdrücke der sogenannten Afterzehen, der rückwärts angeordneten Zehen. Bei Reh- und Rotwild sind die Afterzehen in den Fährten nur zu erkennen, wenn sich die Tiere schnell bewegen. Dann drücken sich die Läufe der Tiere tiefer in den Boden.

Dann geht es in den Wald, die vier Frauen und zwei Männer nehmen Stoffbeutel mit Markierungsband, Zollstock, Becherlupe und Bestimmungsbuch mit. Im Zelt bleibt Frido zurück, eine Handpuppe, ein flauschiger Fuchs, den Tripp einsetzt, wenn er Kindern von den Tieren erzählt, die im Wald wohnen und dort ihre Spuren hinterlassen.

Spuren gibt es reichlich: Hier ein Maulwurfshügel, dort ein Fuchsbau. Die Spinnweben zeigen, dass er nicht mehr bewohnt ist. Spechte haben den abgestorbenen Baumstamm mit Löchern und tiefen Riefen versehen. Eine Maus hat am Pilz geknabbert. Doch was sind das für Huckel auf dem Buchenblatt? Erst der Blick ins Bestimmungsbuch gibt Auskunft: Hier hat die Blattgallmücke ihre Eier abgelegt. In der Galle, dem kleinen Huckel, wächst eine Larve heran. Und später die Mücke, ein Waldbewohner wie Dachs, Reh oder Hirsch.

Von Joachim Gries