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Adelheidsdorf Das DJO-Lager in Großmoor
Celler Land Samtgemeinde Wathlingen Adelheidsdorf Das DJO-Lager in Großmoor
17:28 09.08.2018
Sachsenspiegel 22.08.2009 DJO-Lager 2009: Idyllisch ist die Baracke vom Kurfürstendamm aus auszumachen. Foto: Blazek Quelle: nicht zugewiesen
Großmoor

Abgesehen von der Außenstelle des Celler Zuchthauses, in dem bis zum 1. April 1927, also bis zum Einzug der Volksschule mit Lehrer Heinrich Roes, Strafgefangene an der Urbarmachung des Großen Moores mitgewirkt hatten, und dem im Ersten Weltkrieg errichteten Kriegsgefangenenlager gab es danach noch weitere Einrichtungen in Großmoor, in denen Menschen untergebracht waren, die teils im offenen Vollzug Wege und Gräben schufen.

Da war zunächst eine Außenstelle des Celler Zuchthauses ganz weit draußen, in der „kalten Heimat“, auf dem heutigen Grundstück Nordweg 42. Wer dort inhaftiert war, damals waren das unter anderem Schieber und Schwarzschlachter, war Freigänger. Nach Zeugenaussagen hatte das Lager bereits 1937 bestanden. Aufseher waren dort ein gewisser Thunert und Waldemar Ahlborn, der Kneipenwirt. Der hatte das Lokal „Zur kalten Heimat“, an der heutigen Zwillingstraße, die ihren Namen in Anlehnung an die vermehrten Zwillingsgeburten im dortigen Bereich trägt.

Dann war da noch ein Lager, dessen Unterkunftsbaracke noch heute, gleich beim Einbiegen in den Kurfürstendamm, rechts, auszumachen ist. Es scheint sich dabei um eine ehemalige Baracke des Reichsarbeitsdienstes (RAD-Lager) zu handeln, die nach den Erinnerungen von Karl Albrecht jun. nach dem Krieg an Ort und Stelle aufgestellt worden ist.

Nach Kriegsende stieg die Zahl der zu betreuenden jungen Menschen aufgrund der Flüchtlingsbewegungen und der Kriegsfolgen rapide. So diente das Lager zunächst, und zwar von 1950 bis 1954, als Auffanglager für Kinder aus dem Osten. Als so bezeichnetes DJO-Lager sollte es der „Deutschen Jugend des Ostens“ dienen, es sollte praktisch nur die aus dem Osten geflüchtete Jugend aufnehmen. Es kamen dort aber auch einige Jugendliche aus dem „Westen“ unter. Jugendliche ist eigentlich gut gesagt, zumal die Jugendlichen mitunter bis zu 30 Jahren alt waren.

Was war die DJO? Kinder und Jugendliche aus den ehemaligen deutschen Ost- und Siedlungsgebieten befanden sich in der Folge des Zweiten Weltkriegs durch Flucht und Vertreibung plötzlich als Heimatlose und Fremde zumeist in den westlichen Besatzungszonen. Sie fanden sich in den verschiedensten Gruppen wieder, um das Brauchtum und die Tradition der alten Heimat lebendig zu halten. Diese landsmannschaftlich orientierten Jugendgruppen schlossen sich am 8. April 1951 auf Burg Ludwigstein in Nordhessen zur Deutschen Jugend des Ostens (DJO) zusammen. In den ersten Jahren nach der Gründung bestand der Sinn dieses Jugendverbandes darin, den ihm angehörenden Kindern und Jugendlichen einen Ort für gemeinsame Betätigung zu geben. Die Pflege der Kultur, Sprache und Gebräuche der Herkunftsgebiete bot Schutz und Geborgenheit gegenüber der alltäglichen Erfahrung von Fremdheit, Ausgrenzung und Ablehnung.

„Bei Penski haben wir noch die Kühe gehütet in der Moorverwaltung“, erinnert sich der am 9. Oktober 1929 geborene und aus dem Weserbergland stammende Günther Scholz an seine Zeit in diesem Lager. „Minna Pankau und Grete Engel haben für uns gekocht“, sagt er. Auch Ernst Mixanek, der aus der DDR kam und vom 12. Februar bis 15. Oktober 1953 im Lager war, arbeitete in der Staatlichen Moorverwaltung, und zwar in der Schmiede und gemeinsam mit dem aus Schlesien stammenden Benno Beissert, der ebenfalls im DJO-Lager untergebracht war. 35 Pfennig pro Stunde habe er von Administrator Hans Penski erhalten.

Paul Lange kam erst gegen Ende 1952 ins Lager. Hans Skambraks, sein Kumpel aus der DDR, hatte ihn via Adresse einer gemeinsamen Bekannten in Hamburg ins DJO-Lager geholt. „Wir hatten gute und schlechte Zeiten“, sagt er. „Damals wurde gespart an der Heizung. Wasser ist auch mal ausgefallen.“ Überwogen hätten aber die guten Zeiten. Die Kameradschaft sei groß geschrieben worden, und man habe den ganzen Tag arbeiten müssen. Lagerleiter sei zu seiner Zeit ein gewisser Brandt gewesen, der aus der Hamburger Gegend gekommen sei. Sein VW-Kübelwagen, mit dem er zur Klärung mancher Unstimmigkeiten so manches Mal ausrücken musste, ist vielen noch im Gedächtnis geblieben. Brandts Büro und die Küche haben sich im nördlichen Bereich des Gebäudes befunden, die sanitären Einrichtungen (Duschen und WC) hingegen im südlichen Bereich. Namen von dort untergebrachten Jugendlichen kennt Lange kaum noch. Außer ihm, Günther Scholz und Georg-Wilhelm Kuske seien dort Hans Skambraks und auch ein Jugendlicher namens Schulz gewesen. „Sie werden lachen“, sagt er mit Blick auf die Namensähnlichkeit von Scholz und Schulz: „Die waren bei uns immer ‚Schnolz’ und ‚Schnulz’.“ Mit Schulz und Scholz sowie Petereit teilte sich Paul Lange seine Viermannstube, von denen es insgesamt acht oder zehn im Gebäude gab und die mit Etagenbetten ausgestattet waren. Diese Räume seien aber nicht immer voll belegt gewesen. Ernst Mixanek teilte sich die Stube mit Gerhard Maletz, einem namens Pfeifer („der hat immer nachts geredet“) und einem „Tommy“ (einem Engländer). Ebenfalls ließen sich jetzt auch die Namen von Fritz Haßlinger, Böhm, März und Römer ermitteln, die dort gelebt haben.

Wie Heinrich Rostalski zu erzählen weiß, hatten dort, nicht von Anfang an und wenigstens unter der Woche, Bauwillige gelebt, die noch nicht über genügend Geld verfügten und sich dort eine Mark hinzuverdienten. Gerade die Neusiedler auf der rechten Seite des Kurfürstendamms hätten größere Geldsorgen gehabt als die Siedler auf der linken Straßenseite. Ein zeitweiliger Lagebewohner sei Hans Sandau gewesen.

Klaus Grube ist auch ein Zeitzeuge. „In der Baracke haben wir Volkstänze gemacht. Eine Frau namens Mikoweit oder Milkoweit hat uns da angeleitet“, erinnert er sich. Und Walter Waßmann aus der Jägerheide berichtet mit Blick auf den Reiz, den die Jugendlichen auf die weibliche Jugend ausübten: „Die haben uns hier die Mädchen weggeschnappt.“ Allerdings seien die Jugendlichen im Lager auch so etwa drei bis vier Jahr älter gewesen als er.

Nicht selten kamen die benachbarten Landwirte Albrecht, Führer, Hinterthaner und Naujek ins Lager, wenn sie Arbeitswillige „für ein paar Mark“ suchten. Und die Jugendlichen des DJO-Lagers waren es schließlich, die überhaupt mit den Kultivierungsarbeiten im Bereich der heutigen Straßenzüge Schwedensiedlung/Kurfürstendamm begannen. Dort, im noch unberührten Moor, hatten sie Bäume und Büsche umgelegt, ehe schließlich die großen Maschinen aus Bad Pyrmont eintrafen. Eine einheitliche Uniform trug man dort nicht, angesagt war eine Drillichjacke.

Bereits am 1. April 1951 hatte die Staatliche Moorverwaltung in Großmoor das gesamte staatliche Moor an die Hannoversche Siedlungsgesellschaft, Treuhandstelle für Flüchtlingssiedlung, abgetreten. Es sollte also im großen Stil weitergesiedelt werden, und zwar auf der gesamten Fläche von 405 Hektar. Ein großer Teil davon musste vorher noch entwässert und kultiviert werden. Die Firma Ottomeyer aus Bad Pyrmont kam mit ihren riesigen Dampfpflügen, um das Moor 80 bis 120 Zentimeter tief zu kuhlen.

Es war das älteste und zugleich größte Dampfpflug-Unternehmen in Deutschland, das der Firma Wilhelm Ottomeyer in Bad Pyrmont, welches 1887 gegründet worden war. Mit zunehmender Mächtigkeit des Moores musste immer tiefer gepflügt werden. Die 1920 verselbstständigte Firma entwickelte 1950 zur Moorkultivierung einen einscharigen Tiefpflug, der eine Arbeitstiefe bis 2,15 Metern erreichte. Dieser so genannte Kuhlpflug, Typ „Mammut“, war der größte Pflug der Welt. Er hatte gewaltige Ausmaße, indem er beispielsweise weit über 30 Tonnen wog, und sein Furchenrad besaß einen Durchmesser von vier Metern und auf der Gegenseite ein Raupenfahrwerk, um nicht im Moor zu versinken. Mit diesem Pflug war es möglich, Moor mit einer Mächtigkeit von 1,80 Metern einwandfrei umzupflügen. Dadurch war die Kraft der herkömmlichen Zugmaschinen zu gering.

Der „Mammut“ konnte nur von jeweils zwei starken Dampfmaschinen auf jeder Seite gezogen werden. Daran erinnert sich Paul Lange noch gut: „Da stand auf jeder Seite eine Dampfmaschine, die zogen den Pflug an einer Seilwinde hin und her.“

Die Schrägschichtung des Dampfpfluges bewirkte eine gute Wasserzirkulation, und es war den Pflanzen möglich, bis zum Grundwasser vorzudringen. Der Firma Ottomeyer kommt der Verdienst zu, allein im Emsland seit 1920 und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg über 110000 Hektar Moor und Ödland zu Sandmischkulturböden umgewandelt zu haben. Dadurch entstanden zahlreiche neue Siedlungshöfe: Es wurden neue Straßen angelegt, und brachliegendes, unwegsames Gelände verwandelte sich in blühendes Siedlungsland.

„Die Moortiefen in Großmoor verlaufen unregelmäßig bei einer Streuung zwischen 0,30 und 0,90 Metern, steigen sie im Gebiet der Neusiedlung von 0,80 bis 2,00 Meter an“, schrieb Helene Führer in einem Aufsatz über die Entwicklung der Landwirtschaft in der damaligen Landgemeinde Großmoor.

1953 baute Ottomeyer vier neue Maschinen, die die Namen „Magdeburg“ und „Thüringen“ trugen. Sie sind mit fast 500 PS die wohl stärksten Dampfmaschinen der Welt. Am Ende zogen auf einer Seite etwa 1000 PS am Pflug. Die Moorkultivierung mittels Dampfkraft endete nicht etwa wegen der Technik, sondern, weil aufgrund steigender Erträge im Ackerbau das weitere Erschließen von Moorböden zum Sichern der Ernährung der Bevölkerung nicht mehr erforderlich war. Auch erkannte man zunehmend die ökologische Bedeutung der Moore und suchte die verbliebenen Moorflächen unter Naturschutz zu stellen. Die allerletzte Furche mit den Dampfpfluggespannen „Magdeburg“ und „Thüringen“ und dem „Mammut“ wurde am 20. September 1972 in Groß Hesepe im Emsland gezogen.

Auf den kultivierten Flächen in Großmoor wurde Ackerland geschaffen, und die Siedler konnten kommen. Die Treuhandstelle ließ den Weg durch das neu zu besiedelnde Gebiet anlegen und als Schotterstraße befestigen. Diese Straße, eigentlich ein „Kuh-Damm“, erhielt im Volksmund den Namen „Kurfürstendamm“, welcher sich schnell einbürgerte.

Längs des Kurfürstendamms und zum Teil auch am Nordweg errichtete die Treuhandstelle im Jahre 1952 insgesamt 14 Siedlungshäuser. 21 Neubauernhöfe waren außer einigen Nebenerwerbssiedlungen geplant, davon erhielten 14 die erwähnten Neubauten am Kurfürstendamm und Nordweg, vier bekamen umgebaute Gebäude der ehemaligen Moorverwaltung, und für drei Neusiedler baute man im früheren Kreismoor schwedische Holzhäuser. Von den letzteren stammen die Namen „Schwedenweg“ und „Schwedensiedlung“. Als Siedler wurden nur Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs zugelassen.

Die Gesamtaktion des Schaffens von Siedlungshöfen und Umbaustellen durch die Treuhandstelle für Flüchtlingssiedlungen sollte bis zum 30. Juli 1953 abgeschlossen sein. Über das Richtfest der 14 Siedlungshäuser und von neun Umbaustellen hieß es in der „Celleschen Zeitung“ vom 11. Oktober 1952 unter der Überschrift „Kultivierung schuf wertvolles Ackerland“:

(...) Wie Architekt Ganzke, der die Gesamtplanungsarbeiten entworfen und zugleich die Bauleitung hat, in Anwesenheit des Leiters der Treuhandstelle, Dr. Schapper, Hannover, ausführte, hatten sich große Schwierigkeiten ergeben, als man vor einem Vierteljahr mit dem Hochbau begann. Hier habe es sich um die schwerste Aufgabe gehandelt, die ihm je gestellt worden sei. Dennoch sei man rüstig fortgeschritten, und wenn jeder Bau auch nur mit 29000 DM Baukredit entstanden wäre, so habe man doch solide und einwandfrei gebaut. Im einzelnen führte der Architekt aus, daß der Grundriß 228 Quadratmeter aufweise. Die Häuser enthielten einen Flur, eine Wohnküche, ein Elternschlafzimmer und ein Kinderzimmer sowie die Möglichkeit, später Bodenräume noch auszubauen. Das angebaute Stallgebäude trägt die Voraussetzungen (nach modernsten Erkenntnissen) für zwei Pferde, acht Kühe, einen Jungviehlaufstall, eine Tenne usw. Untermauert ist allerdings das Haus nicht, da es der hohe Grundwasserstand nicht zuläßt. Dafür wurde der Hausfrau ein Kriechstall unter der Treppe geschaffen. Ferner wird noch ein kleines Nebengebäude für jeden Hof gebaut, in dem sich die Futterküche, weitere Laufställe, Schweineboxen, Hühnerstall usw. befinden. (...)

Von denen, die im DJO-Lager untergebracht waren, sind nur wenige in dieser Gegend geblieben. Einer war Günther Scholz, der Ursula Greif heiratete und noch heute in Großmoor lebt. Auch Georg-Wilhelm Kuske, Ehemann von Lilo Sänger, der später Lehrer in Hänigsen wurde (1957-1960), war geblieben. Er lebt heute mit seiner Ehefrau in Meitze. Ernst Mixanek heiratete Gertrud Dörpinghaus aus Ehlershausen und baute mit ihr zunächst in Nienhorst. Er fand Arbeit bei der Preussag und sang in Großmoor im Gemischten Chor bei Heinrich Roes. Und schließlich blieb auch Paul Lange, der bei Dora Stahl an der Jägerheide gelebt und die Flüchtlingsfrau Gertrud Kühn geheiratet hatte. Paul Lange hatte noch bis 1962/63 in Großmoor gelebt, ehe er berufsbedingt nach Alfeld/Leine verzog. Und er hatte beim SV Großmoor gespielt, weiß Lange heute zu erzählen. „Ich habe den heutigen Sportplatz mit gebaut“, sagt er. Benno Beissert, Geburtsjahrgang 1931, gelangte über Umwege nach Freiburg, wo er 1996 starb.

Mit der Auflösung dieses Lagers wurde ab 1953 begonnen. Damals hatte sich gerade die Trägerschaft geändert. So lautete der offizielle Name seit dem 8. August 1953 „Ostdeutsches Notwerk e.V., Siedlungslager Großmoor/Celle“. Wie sich das Lager auflöste, blieben noch einige dort wohnen, die nicht wussten, wohin.

Nach dieser Nutzung wurde dort vom Stephansstift Hannover 1954 ein Jugendwohnheim für schwer erziehbare Kinder eingerichtet.

Von Matthias Blazek