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Adelheidsdorf Mit provozierender Kunst in die Bild-Zeitung
Celler Land Samtgemeinde Wathlingen Adelheidsdorf Mit provozierender Kunst in die Bild-Zeitung
17:45 16.09.2013
Eine Skulptur mit zwei Gesichtern hat Holger Seidel geschaffen: - vorne diabolisch, hinten engelhaft. Quelle: Karin Dröse (2)
Großmoor

In Berlin zeigte er bei einer Ausstellung einen Torso, auf den aus einem Eimer an der Decke blutrote Farbe tropft. „Vermummung provoziert“ heißt ein Bild, das mit Farbbeutel beworfene Schutzschilde der Polizei und für einen harten Einsatz ausgerüstete Beamte zeigt. „Dann fällt das Steinewerfen leichter“, meint der 62-Jährige, der bis Juli im Polizeidienst tätig war.

Angefangen hat er in den 1970er Jahren damit, Gewehrschäfte zu schnitzen. Mit detailreichen Verzierungen hat er in mühevoller Kleinarbeit individuelle Stücke hergestellt, die sogar bis in die USA verkauft wurden. Ganz nebenbei war Holger Seidel als Sportschütze aktiv und bis zur Landesliga erfolgreich.

Weil er Probleme mit der Sehkraft bekam, sattelte er von filigranen Verzierungen um auf Aquarell- und Pastellmalerei. Auch hier ging er mit Liebe zum Detail an die Arbeit, malte Moor- und Winterlandschaften, Häuser in der Umgebung oder Jagdszenen. Kritisch darf es auch hier sein: „Angst vor dem Castor“ thematisierte er direkt mit den bekannten Symbolen oder indirekt durch eine in seltsames Licht getauchte Landschaft. Ob er damit die Folgen eines Kernreaktorunfalls andeuten möchte, überlässt er dem Betrachter. Holzjacken hängen im Flur seines Hauses in Großmoor. Solide, wirklichkeitsnahe Nachbildungen eines Kleidungsgegenstandes aus Lindenholz, aber auch mit Aussagekraft: „Hartz IV“ nennt er eine Pennerjacke, in deren Tasche eine Flasche steckt, und ein Hut steht davor.

Wieder zwang ihn die nachlassende Sehkraft dazu, künstlerisch umzusatteln: Skulpturen aus Holz und Stein schafft er nun seit 1995. „Körperliche Einschränkungen“ betitelt er dazu passend einen Teddy mit Augenklappe und Beinprothese.

Aufsehen erregte auch eine Skulptur aus Holz und Patronenhülsen. Das Kreuz wendet sich gegen Krieg, doch nicht jeder Betrachter sah das so, weiß Seidel zu berichten.

Engel sind ein beliebtes Thema. Auf seinen „Schutzengel mit Burnout“ ist er besonders stolz: Der überstrapazierte Helfer hängt müde mit dem Kopf über eine Tischkante und die Locken hängen schlaff herunter. Einen Engel ohne Körper hat er ebenfalls aus hellem Holz geschaffen, „denn eigentlich wissen wir nicht, wie Engel aussehen.“ Jeder kann sich in die Umrahmung dieser Gestalt selbst etwas hineindenken.

Wenn der Künstler derzeit in seine Werkstatt geht, arbeitet er an der heiligen Barbara, einer Auftragsarbeit für die katholische Kirche in Burgdorf.

Von Droese Karin