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Nienhagen Friedhof Nienhagen: Mahnmal der menschlichen Abgründe
Celler Land Samtgemeinde Wathlingen Nienhagen Friedhof Nienhagen: Mahnmal der menschlichen Abgründe
15:06 10.02.2015
    Friedhof Nienhagen Quelle: Martina Hancke
Nienhagen

„Paul Tschopto, *12.9.1944, gest. 1.11.1944“. Die kleine, graue Steinplatte auf dem Friedhof Nienhagen sagt wenig aus über das Leid, das dieser Säugling in den spärlichen 50 Tagen seines Lebens ertragen hat. Er starb im Kinderlager Papenhorst. Er gehört zur Zahl der geschätzten 100.000 Kinder sowjetischer und polnischer Zwangsarbeiterinnen, die zwischen 1943 und 1945 durch Abtreibung getötet oder nach der Geburt von ihren Müttern getrennt und durch kalkulierte Vernachlässigung umgebracht wurden. 23 von ihnen ruhen auf dem Friedhof Nienhagen. Die Gräber werden unter anderem von christlichen Pfadfindern und den jeweiligen Konfirmanden gepflegt.

Es ist dem ehemaligen Wathlinger Schulleiter Eckhard Adolph zu verdanken, dass das düstere Kapitel der Samtgemeinde beleuchtet wurde und in kollektiver Erinnerung bleibt. „Die alten Papenhorster waren damals durchaus bereit, mit mir über die Zeit zu sprechen“, so Adolph.

Am 12. April 2000 wurde auf Initiative des Nienhäger Pastors Uwe Schmidt-Seffers und des Samtgemeindebürgermeisters Wolfgang Grube bei den Gräbern eine Gedenktafel aufgestellt, deren Inschrift lautet: „Hier ruhen Kinder von polnischen und russischen Zwangsarbeiterinnen, die während des Zweiten Weltkrieges 1939–1945 im Kinderlager von Papenhorst an den Folgen von Hunger, Kälte und Krankheit als Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft starben. Ihr Leiden kennzeichnet die Schrecken des Krieges und erinnert gleichermaßen an das Leid der Vertriebenen und Verfolgten aller Kriege.“

In seiner Rede anlässlich der Enthüllung der Gedenkplatte betonte Schmidt-Seffers nicht nur die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur, sondern auch das Eingeständnis eigenen Versagens: „An dieses planmäßig herbeigeführte Sterben von Kindern sollen wir uns erinnern. Aus diesem Grunde meine ich, sollten wir den Mut haben, das Haus Papenhorst 9a als ein Konzentrationslager zu bezeichnen – und nicht verharmlosend als ein Kinderlager.“

Auf dem Friedhof Nienhagen findet sich ein weiterer Gedenkort. Er erinnert an die große Ölbrandkatastrophe am 29. September 1934, bei der sechs Männer ums Leben kamen und zahlreiche verletzt wurden.

Erst zwei Jahre zuvor hatte die Einweihung des Friedhofs mit neuer Kapelle stattgefunden, weil der alte Friedhof an der Laurentiuskirche für den wachsenden Ort zu klein geworden war. Heute befindet sich die Anlage in kommunaler Hand. Das jüngste Projekt ist die Heideinsel mit Findlingen, die von Friedhofsgärtnern gepflegt wird.

Martina Hanke

Von Martina Hancke