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Nienhagen Lesung in Nienhagen: Abgründe eines Hundertjährigen
Celler Land Samtgemeinde Wathlingen Nienhagen Lesung in Nienhagen: Abgründe eines Hundertjährigen
17:44 22.01.2017
Mit wenigen Requisiten, nur durch die Art, wie sie lesen und kleine Szenen einspielen, lassen Holger Umbreit (links) und Jörg Schüttauf Figuren und Schauplatz des Buches „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ lebendig werden. Quelle: Michael Schäfer
Nienhagen

Als „Hände hoch, wo waren Sie am Donnerstag“-Rollen ohne jeden Anspruch bezeichnet dieser seine Fernsehpräsenz als Tatort-Kommissar. Ganz bescheiden und aus dem Zuschauerraum kommen er und sein Kollege denn auch auf die Bühne, wo sie nicht mehr als einen Koffer, zwei Tische und Stühle vorfinden. Aber als Schüttauf aus dem Buch von Jonas Jonasson „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ zu lesen beginnt, finden sich die 280 Zuschauer des vollbesetzten Saales am Schauplatz der Geschichte, in Schweden, wieder.

Umbreit und Schüttauf sind Vollprofis, sie entfalten nicht nur enorme Präsenz auf der Bühne, sie lassen die Figuren des Buches durch die Art, wie sie lesen und kleine Szenen einspielen, lebendig werden. Die Sympathien, die Allan Karlsson eben noch voll und ganz auf seiner Seite wusste, als er sich den Feierlichkeiten anlässlich seines 100. Geburtstages durch Flucht aus dem Altersheim entzog, schwinden. „Zu dumm“, quittiert er lakonisch die Nachricht vom Tod eines jungen Mannes, den er verschuldet hat. Es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass die Menschen immer älter werden. Biblisches Alter macht hilfebedürftig und liebenswürdig und lässt das Leben mit seinen Höhen und Tiefen und manchmal auch Abgründen in jungen und späteren Jahren häufig vergessen.

Der schwedische Autor Jonasson erzählt mittels zweier Ebenen sowohl die Biografie seiner Hauptperson als auch die tolldreiste Geschichte, die dem Greis aufgrund seines aus eigener Sicht lebensbejahenden Entschlusses, nicht länger auf den Tod in der Betreuungseinrichtung zu warten, widerfährt. Kaum vorstellbar, dass dieser schnell erschöpfte Alte in braunen, dreckigen Filzpantoffeln als Sprengstoffexperte ein spektakuläres Leben führte, das ihn die Welt sehen und Akteure wie den spanischen Diktator Franco und Atomphysiker Oppenheimer kennenlernen ließ. Er muss nicht einmal kramen in der Kiste der Abgeklärtheiten seiner Biografie, der alte Mann ruft sie einfach ab, um Mafia und Polizei zu trotzen. Dass die Story ein Bestseller, verfilmt und in ein Theaterstück umgeschrieben wurde, verwundert nach der gleichermaßen unterhaltsamen wie spannenden Lesung überhaupt nicht. „Und wie geht es weiter?“ Mit dieser unausgesprochenen Frage, die dem größtmöglichen Lohn für Autor und Interpreten gleichkommt, entlässt das begeisterte Publikum die Stars des Abends nur ungern, aber dennoch mit riesigem Applaus.

Von Anke Schlicht