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Wathlingen Eilige Geburt im Wohnzimmer in Wathlingen
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20:17 09.12.2016
Lewissa Tayan ist selbst dreifache Mutter, hier mit ihrem jüngsten Kind, der fünf Monate alten Dilvin. Beherzt und ohne zu zögern hat sie ihrer syrischen Nachbarin bei der Geburt ihres Sohnes geholfen. Das Baby hatte es sehr eilig, denn es erblickte noch in der Wathlinger Wohnung das Licht der Welt.  Quelle: Oliver Knoblich
Wathlingen

„Das war ein aufregendes, aber schönes Erlebnis“, erzählt Lewissa Tayan. Laute Schreie halten durch das Wohnhaus, als die 32-Jährige gerade ihre Kinder für den Start in den Tag fertig gemacht hatte. Die Laute kamen aus dem oberen Geschoss, wo eine dreiköpfige Flüchtlingsfamilie aus Syrien wohnt. Einen großen Kontakt habe es zwischen den Familien bisher nicht gegeben. Doch die Schreie seien immer lauter geworden, „also habe ich mir einen Ruck gegeben“, sagt die Ezidin. Zuerst sei sie davon ausgegangen, dass sich das Paar streite, doch schon auf der Treppe kam ihr der junge Syrer entgegen.

Im Laufschritt stürzte sie die Treppenstufen hinauf und stand vor der hochschwangeren Frau. „Die Fruchtblase war bereits geplatzt“, erklärt Tayan. Die Nummer des Rettungsdienstes war schnell gewählt. Doch Zeit bis zur Ankunft der Fachkräfte hatte sie nicht, denn „der Kopf des Kindes war schon deutlich zu sehen.“ Wieder hastete die junge Frau, die selbst dreifache Mutter ist, die Treppen hinunter. Es sei sekundenschnell gegangen: Handtücher, Gummihandschuhe und Beatmungsgerät – alles hatte sie parat.

Ihre drei Kinder hat sie per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. „Da hatte ich einen Termin, da war alles organisiert“, erläutert die Wathlingerin. Ganz anders als die Situation, in der sich die Kurdin nun befand. „Ich bin ganz ruhig geblieben“, erklärt sie. Das erscheint unglaublich - denn die Atmung der jungen Syrerin setze punktuell aus. Während jeder andere Mensch wohl in Panik und Hektik verfallen wäre, erklärte Tayan dem zukünftigen Vater, was er zu tun hätte. „Die Verständigung ging mit Händen und Füßen“, so die dreifache Mutter, „die Familie spricht kein Deutsch.“

Nach 15 Minuten hält sie den kleinen Jungen in den Armen. Aber irgendetwas stimmt nicht. Er atmet, gibt aber keinen Mucks von sich. „Ich dachte immer, dass Kinder sofort schreien müssen, wenn sie auf die Welt kommen.“ Also habe sie den Säugling stabilisiert und versucht den Kreislauf anzuregen. Auch der Rettungsdienst staunte nicht schlecht. „So etwas hatten sie noch nicht erlebt“, sagt Tayan, „sie haben mich erstmal umarmt.“

Zugute kam ihr die Erfahrung als Altenpflegerin. Hebamme sei lange Zeit ihr Berufswunsch gewesen. „Ich habe mir das aber nicht zugetraut“, merkt Tayan an. Zweifel muss die junge Frau nicht haben: Durch ihr couragiertes Handeln hat sie nicht nur einem neuen Menschen zum Leben verholfen, sondern vielleicht auch ein weiteres gerettet. Wie sie sagt: „Wenn jemand Hilfe braucht, kann man sich nicht wegdrehen.“