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Wathlingen Leben am Fuße des Salzbergs
Celler Land Samtgemeinde Wathlingen Wathlingen Leben am Fuße des Salzbergs
22:13 18.09.2018
Von Simon Ziegler
Heike und Jürgen Schnitzler wohnen direkt am Kaliberg. Quelle: Oliver Knoblich
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Wathlingen

Rot-weiße Kreuze stehen in Vorgärten. An den Zäunen hängen Schilder der Bürgerinitiative Umwelt Wathlingen. Der Salzberg, der direkt am Rand der alten Arbeiter-Siedlung steht, ist allgegenwärtig in der Kolonie.

Jürgen und Heike Schnitzler wohnen seit einem Vierteljahrhundert am Fuße des Kalibergs. Ihr Haus ist quasi das letzte vorm Berg, 150 Meter entfernt. „Ich bin vor 25 Jahren mit dem Moped hier vorbeigefahren“, sagt Jürgen Schnitzler, „und habe gesagt, hier will ich bleiben“. Bereut hat der Hildesheimer das nie. Dem 59-Jährigen gefällt das Leben in der Kolonie, es ist so schön ruhig hier. „Wir wollen nirgendwo anders hin“, sagt der Berufskraftfahrer. Der Salzberg gehört zum Leben dazu. Oft genügt ein Blick zum Berg und die Schnitzlers wissen, wie das Wetter wird. „Ist der Berg braun, dann weiß ich, dass es regnen wird. Wenn er weiß ist, gibt es tolles Wetter.“

Nur, da ist die Sache mit der Begrünung. Der Bergbaukonzern K+S will den Berg abdecken. Die Gemeinde wollte das lange auch, inzwischen gibt es aber viele kritische Stimmen. Es geht um den Lkw-Verkehr, Lärm und Staub, die mögliche Entwertung der Grundstücke und die Frage, welche Stoffe eigentlich genau am Berg verbaut werden sollen. Jürgen Schnitzler sieht es wie viele seiner Nachbarn. „Die Begrünung ist eine Katastrophe. Der Berg soll so bleiben, wie er ist.“

Doch das geht wegen der Versalzung von Grundwasser und Boden nicht, sagen die Behörden. Ein paar Häuser weiter lebt Werner Muszynski. Auch er will, dass am Berg nichts verändert wird. Der 75-Jährige hat sein halbes Leben für Kali und Salz gearbeitet. Im Jahr 1975 fing er an, 2005, als das Bergwerk Niedersachsen-Riedel längst stillgelegt war, ging der technische Angestellte der Schlosserei in Rente. Von seinem Arbeitgeber spricht er noch heute in den höchsten Tönen. Sozial sei es bei "Kali und Salz" zugegangen, „es war wunderbar“.

Muszynski kommt aus Delmenhorst, Wathlingen ist aber schon lange seine Heimat. Er mag seine Kolonie. Es ist gar kein offizieller Ortsteil von Wathlingen, dabei fühlt es sich für jeden so an. Früher sprach man von „Kolonisten“ und „Dörflern“, um deutlich zu machen, wer aus der Kolonie und wer aus Wathlingen kam.

„Kali und Salz“ legte die Siedlung Anfang des 20. Jahrhunderts für seine Arbeiter an. Heute leben vielleicht 200 Leute hier. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich das Bild der Kolonie immer wieder geändert. Im Jahr 2018 wohnen auch junge Familien in der einstigen Bergbau-Siedlung, die mit Bergbau gar nichts mehr zu tun haben. Geblieben ist im Laufe der Jahre die abgeschiedene Lage Richtung Hänigsen. „Man lebt hier etwas ausgegrenzt“, sagt Werner Muszynski mit einem Lächeln. Schlimm findet er das nicht.

Denn trotz der Lage gibt es viel Leben in der Kolonie. Dafür sorgt schon allein das Gasthaus „Zur schönen Aussicht“, über dessen Namen man sich zwar wundern kann, das aber jeden Tag für seine Gäste offen steht. Und es ist ja keineswegs selbstverständlich, dass es auf dem Dorf noch eine Gaststätte gibt. Noch dazu mit einer Kegelbahn.

Ein Besuch bei Bärbel und Joachim Bartsch macht wieder deutlich, wie präsent die angekündigte Begrünung des Bergs in den Köpfen der Leute ist. Das Ehepaar engagiert sich in der Bürgerinitiative. Joachim Bartsch hat mit ein paar Mitstreitern über 100 Holzkreuze zusammengebaut. „Natur statt Deponie“ haben sie draufgeschrieben. Überall stehen die Kreuze nun, in Wathlingen, Hänigsen, Dachtmissen und Sorgensen. „Wir bekommen eine belastete Deponie“, sagt der 68-Jährige. Die BI fürchtet, dass am Berg eine riesige Abfalldeponie entsteht. Verkürzt gesagt: Das Land wird seine Abfälle los, und K+S verdient daran. „Die Leute denken, die Begrünung sei etwas Schönes. Dabei stellt der Kaliberg eine Gefahr dar“, erklärt seine Frau. Das an diesem Vormittag graue Ungetüm ragt von ihrem Obst- und Gemüsegarten aus in 300 Metern Entfernung in die Höhe. Sie werden weiter gegen die Begrünung ankämpfen. Und hoffen, dass sich noch mehr Leute ihrem Protest anschließen. Joachim Bartsch ist optimistisch: „Die Kolonie ist sehr konservativ. Der Widerstand wird aber immer größer.“

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