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Wathlingen Wathlinger verarbeitet in einem Buch seine Zeit im chinesischen Gefängnis
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19:30 05.07.2017
Von Simon Ziegler
„China – 210 Tage hinter Gittern“: Hamza Özyol beschreibt, wie er ins Gefängnis kam und was er dort erlebt hat. Quelle: Oliver Knoblich
Wathlingen

Etwa eine Stunde später war der Mann aus Wathlingen noch betrunkener. Ihn plagte das schlechte Gewissen. Er ging zu der Bar zurück und wollte die Handys zurücklegen. Dort war der Diebstahl längst aufgefallen. Das Sicherheitspersonal erkannte Hamza Özyol anhand der Videoaufnahmen. Er wurde verhaftet.

Über seine Zeit im Gefängnis hat der Wathlinger ein Buch geschrieben, das vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. „China – 210 Tage hinter Gittern“ heißt das autobiografische Werk, in dem er seine traumatischen Erlebnisse verarbeitet hat, wie er sagt. "Nach meiner Rückkehr nach Deutschland haben mir viele geraten, eine Therapie zu machen. Ich habe lieber ein Buch geschrieben."

Hamza Özyol wurde 1980 in Celle geboren und wuchs in Wathlingen auf. Beruflich hat der Türke mit dem deutschen Pass alles und nichts gemacht. Nach dem Realschulabschluss lernte er Schlosser, wechselte öfter die Firmen und landete in der Bohrindustrie. Später verdiente er sein Geld in der Auto-Branche. Als dort 2008 die Krise ausbrach, verlor er seinen Job, heuerte im Brunnenbau an und landete wieder bei einer Bohrfirma, ehe Hamza Özyol arbeitslos war.

Es waren schließlich dubiose Wege, die ihn nach China brachten. Über Facebook kam der Wathlinger mit jemandem in Kontakt, der in China arbeitete. Hamza Özyol schrieb eine Online-Bewerbung. Keine 48 Stunden später hatte er den Job im Reich der Mitte. Von Frankfurt flog der Wathlinger nach Hongkong. Er sollte in Shenzen an einem Tunnelbau für eine U-Bahn mitarbeiten.

Nachdem er in der Bar festgenommen worden war, kam der Vater eines Sohnes in Shenzen in Untersuchungshaft. In den kommenden Monaten musste er sich einen 80-Quadratmeter-Raum mit 40 Gefangenen teilen. Seine Erfahrungen sind erschütternd. Die Häftlinge schliefen auf Holzpritschen, Decken gab es keine. Im Winter wachte er manchmal auf, weil es so kalt war. Er bekam viel zu wenig zu essen, Hamza Özyol nahm stark ab. "Man hat mich unter schlimmsten Bedingungen für ungewisse Zeit verhaftet, mich Tag und Nacht gedemütigt, geschlagen und hungern lassen", schreibt er. "Aber meinen Überlebenswillen konnte niemand brechen." Das vielleicht Schlimmste war die Ungewissheit, sagt der Wathlinger heute. „Die Mithäftlinge haben mir gesagt, ich würde fünf oder zehn Jahre bekommen. Ich habe wirklich befürchtet, dass ich da jahrelang drinbleibe.“

Das Urteil war dann ein Befreiungsschlag. Der 37-Jährige weiß, dass Chinesen für das selbe Delikt viel länger einsitzen müssen. Das Urteil lautete: Sieben Monate Gefängnis und 125 Euro Geldstrafe – und das alles, weil er im Suff drei Handys einsteckte, die er wieder zurückbringen wollte.

Am 23. März 2015 kam der heute 37-Jährige frei. In seinem Buch beschreibt er, wie verloren er sich vorkam, als er in einem anderen Land, weit von der Heimat entfernt, plötzlich als freier Mann auf der Straße stand. Er musste noch zwei Tage in China bleiben, es gab Probleme mit dem Visum. Schließlich flog er nach Deutschland zurück. Mit dem Zug ging es nach Celle, von dort mit dem Bus nach Wathlingen.

„Mir geht es heute nicht vollkommen gut, aber ich bin gesundheitlich wohlauf“, sagt Hamza Özyol. Er versuche, optimistisch in die Zukunft zu blicken. "Ich sehe alles aus einem anderen Blickwinkel. Wir sind mit so vielen Dingen nicht zufrieden, dabei haben wir doch alles." Derzeit sucht er wieder nach einem Job. Solange muss er überbrücken und ein bisschen Geld dazuverdienen. Hamza Özyol fährt in Wathlingen Essen aus – für ein chinesisches Restaurant.