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Südheide Das Wandern ist des Imkers Lust
Celler Land Südheide Das Wandern ist des Imkers Lust
14:24 06.07.2018
Quelle: Anke Schlicht
Hermannsburg

Wer mit Hinnerk Völker und seinen honigerzeugenden Kollegen zu tun hat, hört derzeit in erster Linie den Satz, „Ich habe keine Zeit“, und an zweiter Stelle werden Standortangaben gemacht, wie: „Meine Bienen stehen in der Linde“. Diese unterschiedlichen Stände für die Immen sind weitläufig angelegt. „Meine 20 Standorte verteilen sich in einem Radius von 150 Kilometern. Wenn ich sie abfahre, um nach dem Rechten zu sehen, ist ein Viertel des Tages Arbeit an den Bienen, den Rest sitze ich im Auto“, berichtet Völker.

MIT DEN AUGEN EINER BIENE

„Imker in dieser Gegend müssen wandern, der Boden hier ist zu sandig, dichte Böden mit viel Feuchtigkeit sind ideal für Pflanzen, um Nektar zu produzieren, und damit auch für Insekten“, erläutert der 28-Jährige und benutzt dabei einen Fachbegriff: „Wandern“ bezeichnet in der Imkerei das Umstellen von Bienenvölkern an einen anderen Standort in einer verschlossenen Behausung, der Beute. „Man kann sie nicht überall hinstellen, braucht ein gutes Auge für Pflanzen und Bäume“, erklärt der Fachmann und liefert als erstes Anschauungsbeispiel einen Ort, der auf den ersten Blick durch nichts Besonderes besticht, für die Bewohner der im Halbkreis aufgereihten und zu Türmen gestapelten Kästen aus Kunststoff oder Holz, die nüchtern und sachlich aussehen im Vergleich zu den alten, zum Sinnbild für Bienenwirtschaft gewordenen Körben, aber anscheinend attraktiv sind.

Bis zu drei Kilometer Luftlinie fliegen Bienen hinein in die Landschaft, für die Mix das wichtigste Attribut ist. „Dieses Fleckchen hat einen ausgeglichenen Anteil von Wiesen, Wald und landwirtschaftlichen Kulturen, Blühstreifen inbegriffen“, erläutert der Imkermeister „seine Versicherung fürs nächste Jahr“, denn die dreißig Türme mit je einem Volk sind Ablegerstände, also Jungvölker, die in kleineren Behausungen parallel zu den eigentlichen Wirtschaftsvölkern herangezogen werden.

„Wie ein Fischer werfe ich an verschiedenen Stellen mein Netz aus und sammele Erfahrungen. Und wenn ich gut gefangen habe, komme ich dort wieder hin“, verwendet er ein Bild für diese Aufgabe. Ständig ist er auf der Suche nach diesen Stellen, kann auch fernab vom Beruf diesen speziellen Blick nicht mehr ausblenden. Wie dieser genau aussieht, ist für den Laien nicht einfach nachzuvollziehen. Eine Rolle spielt das Wissen um das Wesen der Honigbiene, das für einen Profi selbstverständlich ist, sicherlich ein wenig Intuition, aber auch eine innerliche Verbundenheit zu den Tieren. Hinnerk Völker versucht, die Landschaft aus der Sicht einer Biene zu bewerten. „Aber wir sehen ja so viele Dinge nicht, die die Biene wahrnimmt. Sie verfügen über einen Blickwinkel, den wir nicht haben“.

AUF GROSSVATERS SPUREN

Fast alle Standorte hat er selbst ausgewählt, aber bei einigen verlässt er sich auf seinen bereits verstorbenen Großvater. „Opa wusste, weshalb er diesen Platz hier genutzt hat“, kommentiert Völker die nächste von alten Laubbäumen umschlossene und ganz dicht an einem Wohngebiet gelegene Station, die mit der Weite des ersten Haltepunktes gar nichts gemeinsam hat. „Bienen können einen überraschen – positiv oder negativ“, sagt er.

Und manchmal ist auch dieses hochgeschätzte Tier unfreundlich: „Die wollten mich regelrecht jagen, ich glaube, der Honigtau dieser Eichen macht sie aggressiv“, mutmaßt Völker und erläutert, dass Honig nicht nur aus Nektar, sondern auch aus den Läusen auf Blättern und Nadeln, dem Honigtau, produziert wird. Ein reiner Wald ist in Norddeutschland jedoch nicht der optimale Standort: „Teil einer optimalen Umgebung sollte ein gewisser Anteil an Laub- und Nadelbäumen sein.“ Jedes Jahr schaut er sich die Plätze neu an und schätzt sie ein. „Seit der Zeit meines Großvaters in den 60ern bis 80ern hat sich hier viel verändert“, sagt er. Es scheint sich um Feinheiten zu handeln, die ihn nicht dazu bewegen, die Lokalität aufzugeben.

Anfang Juni hat er die Beuten hier und an den anderen Standorten abgestellt, Mitte Juli löst er sie auf, holt die Völker an den Firmensitz in Hermannsburg zurück, bevor es im August in die Heideblüte geht. „Das ganze Jahr ist eigentlich eine Vorbereitung für die Heideblüte, die Bienen müssen gut durch den Sommer kommen, um gewappnet zu sein für die Heide, von der er sich in dieser Saison jedoch nicht viel verspricht aufgrund der Trockenheit. „Dieses ständige Einbringen von Nektar, das hält die Bienen bei Laune, das ist der Motor“, erklärt der Imker am dritten, sehr weit von den beiden ersten entfernten Haltepunkt, einem mit Kornblumen übersäten Acker eines Biobauern, gesäumt von Linden und Akazien.

KENNER DER NATUR UND DER IMMEN

Die Zusammenarbeit mit den Landwirten ist auf unterschiedlichen Ebenen Teil seines Berufes. Wenn ihm bei seinen Fahrten über Land ein Platz geeignet erscheint, ermittelt er zunächst den Eigentümer, nutzt die Wintermonate Januar und Februar für die Kontaktaufnahme mit den Bauern, stellt einen Antrag beim Veterinäramt und setzt sich mit einem vom Imkerverein bestellten Wanderwart in Verbindung. „Im Mai weiß ich, über welche Standorte ich verfüge.“ Einer seiner bevorzugten in diesem Jahr ist das Kornblumenfeld. Da es die Begleiterin des Getreides nur noch selten gibt, ist auch der Honig eine Rarität.

Die Völkerschen Immen scheinen bei ihren Flügen mit bis zu 30 Kilometern pro Stunde häufiger die Kornblume anvisiert zu haben. Ihr Pollen ist hellgrau, und dieser findet sich an den Waben im Innern der zu Türmen gestapelten Beuten, die jeweils ein Volk beherbergen und 100 Kilo wiegen. Der Honig der leuchtend blauen Feldbewohnerinnen präsentiert sich wiederum hellgelb. Bienen sind blütenstet. Manche Arbeiterinnen fühlten sich vielleicht eher von den Blüten und dem Honigtau der Linden und Akazien angezogen.

„Die Vielfalt eines Standortes spiegelt sich auf jeden Fall im Geschmack des Honigs wider“, sagt der Kenner der Natur und der Immen. „Der Schnitt muss stimmen“, definiert Völker das wichtigste Kriterium. Um herauszufinden, worin dieser genau besteht, braucht es die Wahrnehmung der Landschaft durch die Brille einer Biene – ohne sie bleibt es ein Geheimnis dieses jahrhundertealten, wunderbaren Berufes.

Von Anke Schlicht