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Südheide Die Kulturfrauen der Südheide
Celler Land Südheide Die Kulturfrauen der Südheide
17:25 22.04.2016
Hildegard Grunwald, Veronika Wojaczek, Hans-Jürgen Gese und Erna Walther haben viele Jahre zusammen im Wald gearbeitet. Quelle: Joachim Gries
Unterlüß

UNTERLÜSS. Die Arbeit muss den Kulturfrauen damals wirklich viel Freude gemacht haben. Denn als sie sich treffen und dem Redakteur von früher erzählen, lachen sie viel und haben viele Geschichten parat. „Wir lieben den Wald über alles“, sagt Hildegard Grunwald. Die heute 88-Jährige hat ein gutes Jahrzehnt in der Forst gearbeitet – von 1968 bis 1978. Erna Walther, heute 83, war von 1976 bis 1990 als Kulturfrau tätig. Alle drei haben nach den Reparationshieben nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Orkan vom November 1972, nach dem Schneebruch 1981 und nach dem großen Waldbrand von 1975 dafür gesorgt, dass die Spuren der Katastrophen beseitigt und überall bald wieder Bäume wuchsen.

Um 6 Uhr fuhr sie mit dem Fahrrad von Unterlüß zur Arbeit in den Wald, erinnert sich Wojaczek. Um 7 Uhr ging es los, um 16 Uhr war Feierabend, zwischendurch gab es eine halbe Stunde Frühstück und eine halbe Stunde Mittag. Anfangs wurde für jedes Pflänzchen mit dem Hohlspaten ein Loch im Waldboden gemacht. Später saßen die Frauen hinter einem Traktor auf der Pflanzmaschine. Zwei gaben die jungen Pflanzen an, drei steckten sie in die Furchen, die die Maschine zog und anschließend mit schräglaufenden Scheiben wieder zudrückte. Bald saßen nur noch drei Frauen hinter dem Trecker, mussten die Pflanzen selber aus den Kisten greifen.

12.000 einjährige Kiefern wurden pro Hektar gepflanzt, etwa zwei Hektar wurden jeden Tag geschafft, rechnet Hans-Jürgen Gese vor, der seit 1971 Revierförster in Weyhausen war und mit den Kulturfrauen viel zusammengearbeitet hat. „Ich war zu schnell“, erinnert sich Wojaczek. Bei ihr standen die Pflanzen immer ein bisschen dichter als bei den Kolleginnen. „Bis Herr Gese dem Maschinenführer sagte, er soll schneller fahren“, erzählt Wojaczek und lacht. Knochentrocken war der Boden mitunter, dass es staubte. Als sie nach dem Waldbrand pflanzten, waren sie von der Asche schwarz wie die Raben.

Gepflanzt wurde, sobald es der Frost zuließ und bis in den Frühsommer. Anfangs wurde nachgepflanzt, wenn die jungen Bäume nicht angewachsen waren. Und die Kulturen wurden gepflegt, es wurde gehackt oder das Gras gemäht, mit dem „Waldteufel“, einer Durchforstungsschere, die Birken rausgeschnitten, die sich selbst versamt hatten.

Vier Jahre hat Wojaczek voll durchgearbeitet, sonst wurde im Winter gestempelt. „Wir haben alles gemacht, Unkraut gezupft, alte Zäune abgerissen, gegen Wildverbiss gestrichen, Stämme vermessen, Zapfen und Eicheln gesammelt und Pflanzen verschult“. Im Kamp bei Lünsholz wurden damals Samen ausgesät und die winzigen Pflanzen dann vereinzelt, damit sie ausgepflanzt werden konnten. Und immer im Frühjahr wurde gepflanzt: viel Kiefer, ein bisschen Fichte und später zunehmend Douglasie, aber auch Eichen. Nur bei ganz starkem Regen wurde die Arbeit unterbrochen, sonst war die Witterung kein Thema. „Es gab nichts Schöneres als wenn Raureif war und die Sonne schien“, sagte Wojaczek.

„Krank war da keiner“, erinnert sich Gese. Denn auf den Maschinen saßen Mannschaften, da ging es einfach nicht, dass eine Frau ausfiel. Er sei auch mal eingesprungen, als ihm Erna Walther wegen einer akuten Magen-Darm-Grippe die Pflanzen in die Hand drückte und von der Maschine sprang, erinnert sich Hildegard Grunwald. „Der Zusammenhalt war sehr gut“, sagt Wojaczek.

Sechs Jahre hat sie bei Rheinmetall im Büro gearbeitet. Das war aber nicht ihre Welt. „Wald war besser“, sagt sie. „Es sind nur die in den Wald gegangen, die Spaß daran hatten“, stellt Gese fest.

„Wo ich fahr, hab ich gepflanzt“, sagt Walther. Bei vielen Waldstücken hat sie Hand angelegt. Längst sind die Bäume groß. „Ganz fleißige Kulturfrauen waren das“, sagt Gese rückblickend. Er ärgert sich, dass sie jetzt als „Trümmerfrauen des Waldes“ bezeichnet werden. Diese Bezeichnung hatte die Zeitschrift „Emma“ im Jahr 2000 analog zu den Trümmerfrauen der Nachkriegszeit in den Großstädten für die Kulturfrauen des Waldes genutzt.

Denen hatte bereits 1949 die Bank Deutscher Länder mit der Baumpflanzerin auf der 50-Pfennig Münze ein Denkmal gesetzt. Doch eine echte Kulturfrau war das nicht, es war Gerda Johanna Werner, eine Malerin und Kunstlehrerin und die Ehefrau des Bildhauers Richard Martin Werner, dem sie für den Entwurf der Münze Modell saß. Veronika Wojaczek mit 27 Jahren Walderfahrung sagt ganz selbstverständlich: „Wir waren Kulturfrauen.“

Von Joachim Gries