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Südheide "Eigentlich müsste Rathaus hier stehen"
Celler Land Südheide "Eigentlich müsste Rathaus hier stehen"
Von Christopher Menge
Der Taubenschlag mit Glockenturm steht unter Denkmalschutz. Quelle: Christopher Menge
Lutterloh

Eine Kapelle oder gar eine Kirche gibt es in Lutterloh nicht, aber trotzdem schlägt eine Turmuhr täglich zwischen 7 und 22 Uhr zu jeder halben Stunde. Eigentlich zumindest. Am Freitag mussten die etwa 200 Menschen, die in Lutterloh leben, nämlich am Vormittag auf den Glockenschlag verzichten – Elektriker arbeiteten an der Uhr im Glockenturm des denkmalgeschützten Taubenschlages.

Morgens um halb zehn ist auf dem Ferienhof Meyer schräg gegenüber trotzdem schon eine Menge los. Schließlich sind Herbstferien, da spannen die Großstädter gerne mit ihren Kindern in der Südheide aus. "Meine Frau war zu Ostern das erste Mal hier, jetzt sind wir eine Woche da und für nächstes Jahr haben wir auch schon zu Ostern und im Herbst gebucht", erzählt Klaus Brand aus Hannover. "Wir haben zwar auch einen Kleingarten, aber das hier ist etwas ganz anderes."

Während es sein achtjähriger Sohn genießt, auf dem großen Gelände zu spielen, reitet die vierjährige Sarah auf Stute Pia. "Sie hat gleich nach dem Aufstehen gefragt, wann sie wieder zu den Pferden darf", erzählt Vater Andreas Leha. "Es ist toll, dass es hier so viele Tiere gibt."

Neben den etwa 2000 Mastschweinen gibt es auf dem Bauernhof Ziegen, Schafe und Pferde sowie Katzen, Hunde und Kaninchen. "Das Gelände ist auch toll, da können die Kinder einfach so los und die Eltern können sich auch erholen", sagt Leha, der aus Göttingen nach Lutterloh gekommen ist.

Gut erholen kann man sich in Lutterloh auch, weil man in dem Ort zwischen Unterlüß und Hermannsburg keinen Handyempfang hat. "Bis vor zwei Jahren hatten wir auch kein W-Lan", erzählt Hofbesitzerin Elke Meyer. "Aber das wird heute gewünscht." Früher sei es laut Umfragen am wichtigsten gewesen, auf einem Ferienhof Streicheltiere zu haben, heute freies W-Lan.

Meyer, die selbst seit 1982 in Lutterloh lebt, erzählt, dass Lothar von Süpplingenburg, der von 1133 bis 1137 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war, in Lutterloh geboren sein soll. "Später gehörten wir dann zur Gemeinde Weesen und nach der Gebietsreform zu Unterlüß", erzählt die Kreistagsabgeordnete. Da Neu-Lutterloh kirchlich zu Unterlüß gehört und der Rest zu Hermannsburg, habe man sich aber immer zu beiden Orten zugehörig gefühlt. Inzwischen sind die beiden politischen Gemeinden Unterlüß und Hermannsburg zur Südheide verschmolzen. "Da Lutterloh in der Mitte liegt, müsste das Rathaus eigentlich hier stehen", sagt Meyer mit einem Augenzwinkern.

Der älteste Bewohner Lutterlohs ist Ernst Kothe, der schon immer in Lutterloh wohnt. Sein Haus wäre zum Ende des Zweiten Weltkrieges beinahe zerstört worden, wie der 88-Jährige erzählt. Direkt vor seiner Haustür sollte ein britischer Panzer abgeschossen werden, was vermutlich zu einer Explosion geführt hätte. "Meine Großmutter und meine Geschwister wurden daher in den zwei Kilometer entfernten Kuhstall gebracht", sagt der Lutterloher. Der britische Panzer sei in der Rechtsbiegung Richtung Hermannsburg umgedreht und dann dort mit einer Panzerfaust beschossen worden.

"Der brennende Panzer rollte bis zum Pfahl vor unserem Haus", berichtet Ernst Kothe aus Erzählungen seines Vaters, der die Benzinkanister vom Panzer geschmissen haben soll, um eine Explosion zu verhindern.

Wieder auf Vordermann gebracht worden ist der historische Treppenspeicher. Da wollten sich am Freitagabend noch einige Dorfbewohner treffen, um zu besprechen, wie man das mehr als 200 Jahre alte Gebäude in Zukunft nutzen kann. Vermutlich schlug während der Beratungen auch wieder die Turmuhr zu jeder halben Stunde.