Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Südheide Komfortzone Hermannsburg
Celler Land Südheide Komfortzone Hermannsburg
21:13 10.09.2017
Von Christoph Zimmer
Die Küche des alten Bauernhauses ist der Lebensmittelpunkt der Familie Lühmann. Wenn sie dort nicht gerade kocht, nutzt Kirsten Lühmann den Esstisch aus Holz als Arbeitsplatz abseits des bunten, großen, lauten Berlins. Quelle: Christoph Zimmer
Hermannsburg

Wie die Bundestagswahl am kommenden Sonntag ausgehen wird, steht noch nicht fest. Fest steht bisher nur, was die amtierende Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann von der SPD am Abend für ihre Familie kochen wird. „Es wird Rotkalb geben und selbst gemachte Spätzle“, sagt sie und gewährt als Liebhaberin der französischen Küche einen kulinarischen Ausblick auf den Wahlabend - „in den letzten Wochen hatte ich dafür leider keine Zeit gehabt.“

Rotkalb sei ein fantastisches Fleisch, sagt Lühmann. Die Eier für die frischen Spätzle sind von den eigenen Hühnern, die sie im Garten ihres hundert Jahre alten Bauernhauses in Hermannsburg in einem großen Stall hält. Welches Gemüse sie ihren Liebsten nach den überaus anstrengenden und entbehrungsreichen Wahlkampfwochen servieren wird, will sie spontan entscheiden. „Das mache ich von meiner Laune und dem Wetter abhängig.“ Dass ihre Laune am Sonntag gut sein wird, daran glaubt sie ganz fest. Ausgesprochen selbstbewusst geht sie als Direktkandidatin in ihre zweite Bundestagswahl.

Hermannsburg ist seit fast 25 Jahren Lühmanns Zuhause. Die Gemeinde im Nordkreis ist die erste echte Heimat in ihrem Leben, wie die 49 Jahre alte gelernte Polizeibeamtin betont. Denn ihr Vater war bei der Bundeswehr. In ihrer Kindheit zog sie zehnmal um und ging auf sechs verschiedene Schulen. Es war ein Leben auf dem Sprung. Als sie 18 war, entschied sie sich für eine Karriere bei der Polizei – und die Heide. Als in Bergen ein neues Kommissariat entstand, erfüllte sich ihr Wunsch.

Bis 2002 war Lühmann, die ihren Dienst als eine der ersten uniformierten Schulpolizistinnen überhaupt in Niedersachsen angetreten hatte, dort als Sachbearbeiterin tätig. In Hermannsburg schätzt sie die Aufgeschlossenheit und Bodenständigkeit der Menschen – und die Natur, den Wald, das Wild. „Es gibt keine Region auf der Welt, wo ich lieber wohnen würde“, sagt die ehemalige Triathletin und begeisterte Wassersportlerin mit Blick auf die Heidebäche und die Kulturlandschaft.

Um sich fit zu halten, geht Lühmann laufen. Auf ihrer Hausstrecke, die direkt hinter ihrem alten Bauernhaus beginnt, macht sie am liebsten auf dem Grauener Berg Halt, wo sie sich dehnt und die Aussicht genießt. „Abgesehen von Hermannsburg und dem Kirchturm sieht man nur Wald“, sagt Lühmann, „wenn ich den Kopf frei kriegen möchte, bin ich hier.“ Außerdem liest sie gern. Vor der Bundestagswahl 2009 standen 1500 Bücher bei ihr im Regal. Wie viele es heute sind? „Das habe ich nicht gezählt“, sagt sie mit einem Lächeln. Der Fernseher jedenfalls läuft allenfalls für einen Krimi.

Abseits des aufgeregten, bunten, großen, lauten Berlins ist Hermannsburg ihre persönliche Komfortzone. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Jürgen, der ebenfalls Polizeibeamter ist und mit dem sie seit 1988 verheiratet ist, hat Kirsten Lühmann das alte Bauernhaus restauriert. So oft es geht sind ihre drei Töchter Rebecca, Sarah und Miriam mit ihren Familien und ihren beiden Enkeltöchtern zu Gast. „Die Familie ist das, was erdet“, sagt sie. Da gehört für sie aber auch das enge private Umfeld dazu. Wenn etwa das Auto des Nachbarn kaputt ist und sie bei dem Problem hilft, schärfe das den Blick auf die Politik. „Wenn man die Politik nicht auch einmal rauslassen kann, würde ich wahnsinnig werden“, sagt Lühmann.

Nach mehr als 25 Jahren im Polizeidienst und jetzt schon vier Jahren im Bundestag hat sie sehr viel Einblick in die Gesellschaft bekommen. „Und zwar in alle Schichten“, wie sie betont. Das gehe vom Millionär bis zum Wohnungslosen. „Die Menschen kommen zu einem, wenn sie Probleme haben“, sagt Lühmann. Es sei wichtig, keinen zu engen Blick auf die Politik zu haben.

Das gelte auch für die Geschichte. „Wer die Geschichte nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“, sagt Lühmann. Ein blöder Spruch, das weiß sie. „Aber er ist so wahr.“ Aus diesem Grund sammelt sie Briefmarken, die für sie „historische Dokumente und gelebte Geschichte“ sind. Auch wenn ihre drei Töchter darüber immer „ein bisschen lächeln“. Als sie 15 war, hat sie von ihrem Großvater eine alte Sammlung geerbt. Seitdem sammelt sie alles, was deutsche Geschichte ist. „Bei der Gestaltung, dem Porto und den Stempeln kann man sehr viel lernen“, sagt Lühmann - „auch in Briefmarken wurde Politik gemacht.“

Mittlerweile hat Lühmann 30 Alben in ihren Schränken stehen. Die Briefmarken der Deutschen Bundespost hat sie abonniert, ältere kauft sie systematisch dazu.

Kirsten Lühmann kennt die deutsche Geschichte. Nicht nur von den Briefmarken in ihren Schränken in Hermannsburg. Sie versucht die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten. Nach dem kommenden Sonntag will sie das für vier weitere Jahre im Bundestag tun.

Zur Politik ist Kirsten Lühmann über die Schule gekommen. Sie war stellvertretende Schülersprecherin im Gymnasium Wildeshausen, wo sie nach dem Doppelbeschluss der Nato 1982 einen heftig diskutierten Friedenstag organisierte. „Damals habe ich mir die Sinnfrage gestellt, wohin wir im Kalten Krieg gehen werden“, sagt Lühmann. Für sie stand damals schnell fest, dass sie „diese Ungerechtigkeit nicht hinnehmen wollte“.

Gerechtigkeit ist bis heute ihr Grundmotiv. Erst als Polizistin, jetzt als Politikerin. Deshalb hält sie die Klage gegen die Ortsumgehung inhaltlich für nicht berechtigt. „Die Straßenbaubehörde hat hier sauber gearbeitet“, sagt Lühmann, „die Belange der Natur sind höchstmöglich beachtet worden.“ Gleichwohl sei das laufende Verfahren aber unter den Aspekten Demokratie und Rechsstaatlichkeit unheimlich wichtig.

Die stellvertretende Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag will sich besonders für eine gute Infrastruktur in der Region einsetzen. „Celle kann davon sehr profitieren“, sagt Lühmann. Das gelte für die Firmen, die die Waren schnell transportieren wollen. Einerseits. Andererseits für die Menschen, die hier nicht arbeiten, aber in der Region wohnen wollen sie müssen ihre Arbeitsplätze schnell erreichen. Daher sei die Ortsumgehung ein „ganz wichtiges Thema für den Wahlkreis“. Auch die Autobahn 39, die Amerikalinie auf den Schienen und den Schleusenausbau in Scharnebeck auf dem Wasser will sie vorantreiben.

Chancengleichheit und Gerechtigkeit in der Gesellschaft sind ein weiteres politisches Ziel. Insbesondere in der Bildung. „Jeder muss nach seinen eigenen Fähigkeiten das erreichen können, was für ihn optimal ist“, fordert Lühmann. Das fange bereits vor der Schule an. „Kinder, die eingeschult werden und nicht richtig deutsch sprechen, können hochintelligent sein – haben aber keine Chancengleichheit. Dazu müssen wir bereits die jungen Menschen in die Lage versetzen.“

Ein anderes Anliegen ist der Kampf gegen Rechts. „Wir müssen nicht nur versuchen die Menschen für Politik zu interessieren, sondern ihnen auch klar machen, dass Politik ein Wert ist, den man erhalten sollte“, sagt Lühmann, die sich seit Jahren im Kampf gegen Rechts in der Region positioniert.
Kirsten Lühmann sitzt seit 2001 im Kreistag, seit 2005 ist sie die stellvertretende Vorsitzende des Unterbezirks der SPD in Celle, seit 2009 sitzt sie für die Sozialdemokraten im Bundestag, wo sie neben dem Verkehrsausschuss im Untersuchungsausschuss Gorleben und im Innenausschuss für die Bundestagsfraktion der SPD tätig ist. Lühmann steht auf der Landesliste auf Platz 14, der 2009 nicht für den Bundestag gereicht hätte.