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Südheide Nach den Neonazis kamen die Wölfe nach Hetendorf
Celler Land Südheide Nach den Neonazis kamen die Wölfe nach Hetendorf
16:17 17.07.2018
Von Christian Link
Quelle: Christian Link
Hetendorf

Kaum bin ich aus dem Auto ausgestiegen, prüft mich die Hundedame mit einem starren Blick. Ob sie sich über meine Ankunft freut oder ihr Revier verteidigen möchte, ist nicht zu erkennen. Von ihrem Herrchen ist weit und breit nichts zu sehen.

Glücklicherweise ist Hündin Jella – so ihr Name, wie ich später erfahre – zum Spielen hier. Ich hebe einen abgebrochenen Eichenzweig auf und schleudere ihn in Richtung Bushaltestelle, wo Bürgerbus und Bücherbus halten. Das Apportieren klappt aber nur bedingt. Den Stock bringt mir Jella nur zurück, um ihn vor meinen Augen zu zerkauen.

Im restlichen Dorf rührt sich nicht viel. Nur auf einer Hofanlage fahren gelegentlich Trekker ein und aus. Auf der Suche nach Menschen komme ich an Kühen, Tauben, Wellensittichen und Hühnern vorbei. Den Hofherrn finde ich schließlich am Steuer eines Traktors sitzend. „Wir haben diese Woche Wintergerste fürs Milchvieh gedroschen, die wird gerade geschrotet“, erklärt er den allgemeinen Lärm.

Landwirt Ernst-Günther von Bothmer lebt schon sein ganzes Leben in Hetendorf. Der 61-Jährige leitet einen der größten Milchviehbetriebe in der Gemeinde Südheide und hat 110 Milchkühe auf seinem "Hetenhof". Außerdem ist er Teilhaber der hiesigen Biogasanlage. „Wir produzieren 1,1 Megawatt. Das schönste ist aber: wir versorgen ganz Hetendorf mit Biogaswärme“, erzählt er stolz. Auch die 21 Windräder rund um den 150-Seelen-Ort speisen Ökostrom ins Netz ein.

Etwas später ziehen dunkle Wolken über Hetendorf und lassen es schütten. Von Bothmer ist erleichtert. „Seit dem 26. April hat es hier nur 20 Millimeter Regen gegeben“, sagt er. Das Ende der Trockenheit begrüßt er nicht nur als Landwirt, sondern auch als Feuerwehrmann. „Wir haben in diesem Sommer auch schon einen Waldbrand gelöscht, aber er war nicht so groß. Wir sind ja schnell“, sagt er und lacht.

Im Gegensatz zum Regen lässt sich der Wolf in letzter Zeit häufiger in Hetendorf blicken. Ernst-Günther von Bothmer hat ihn zwar noch nie gesehen, dafür aber sein Sohn Christoph. Erst kürzlich hat der Jäger von einem Hochsitz aus sogar ein Handyvideo vom Raubtier gemacht. Um seine 16 Wildtiere, die in einem Gehege am Moorgraben untergebracht hat, macht er sich trotzdem keine Sorgen. Nach drei Wolfsattacken und 14 toten Tieren stellte er einen Elektrozaun auf. Seitdem ist Ruhe.

In den Wäldern zwischen Hermannsburg und Wietzendorf finden die Wölfe aber noch genug Nahrung. Hier fraßen sie unter anderem die Elterntiere von Damtier „Nathalie“, die daraufhin von der Familie von Bothmer per Hand aufgezogen wurde. „Meine Frau Christina hat sie nachts alle zwei Stunden mit der Flasche gefüttert“, berichtet Christoph von Bothmer. Die Tierfreundin war auch Ersatzmutter für die rehschlanke „Rosalie“, deren Eltern bei der Geburt starben. Seitdem gehören die beiden Damtiere quasi zur Familie.

Zu der gehört auch Architekt Hubertus von Bothmer, der in der Bothmerschen Villa an diesem Vormittag über den Plänen für die Allerinsel brütet. „Wir wollen im Herbst den Bauantrag abgeben“, sagt der Geschäftsführer der Firma Bothmer Consult (BoCon). Der frühere Chefarchitekt der Expo 2000 plant in der Residenzstadt zusammen mit Christoph Jessnitz aus Winsen den Bau von mehreren Mehrfamilienhäusern. „In Celle machen wir mittlerweile sehr viel. Das, was hier liegt, wird unser Meisterstück“, sagt er und zeigt auf die Bauzeichnungen in seinem Büro.

Seit 25 Jahren wohnt und arbeitet der Architekt in der alten Familienvilla, die beinahe dem mittlerweile verstorbenen Rechtsextremisten Jürgen Rieger in die Hände gefallen wäre. Der NPD-Politiker brachte in den 90er Jahren mit seinem Tagungs- und Ausbildungszentrum für Neonazis das beschauliche Hetendorf in Verruf. „Dass es damals nicht den Neonazis verkauft wurde, hat uns sehr glücklich gemacht“, sagt von Bothmer, der bei dem geplatzten Verkauf auch seine Finger im Spiel hatte. Daraufhin habe ihm Rieger einen Brief geschrieben, an den er sich noch heute erinnert.

„Rache, Herr von Bothmer, wird kalt genossen“, habe darin gestanden. Als Vater von vier kleinen Kindern habe ihm diese versteckte Drohung einen ordentlichen Schrecken eingejagt, erzählt von Bothmer und fügt hinzu: „Aber wir haben uns nicht kleinkriegen lassen.“ Mittlerweile sind die Neonazis aus Hetendorf verschwunden. Im Rudel tritt hier nur noch der Wolf auf. Für die Dorfbewohner dürfte er das kleinere Übel sein.