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Südheide Neonazi-Aussteiger erzählt über sein Leben
Celler Land Südheide Neonazi-Aussteiger erzählt über sein Leben
19:14 29.08.2010
Johannes Kneifel START - START - „Gewalt war normaler Teil des Lebens“ - Johannes Kneifel hat im Gefängnis den Ausstieg aus der rechten Szene geschafft - Elf Jahre ist es her, dass Peter Deutschmann von zwei jugendlichen Neonazis in Eschede erschlagen wurde. Einer von ihnen war Johannes Kneifel. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt und änderte im Knast sein Leben. Jetzt studiert er Theologie und wird bald Pastor sein. In Hermannsburg berichtete er Jugendlichen über seinen Lebensweg und die Erkenntnis, dass Rassismus ein Weg in die Sackgasse ist. - Von Tore Harmening - HERMANNSBURG. Als Johannes Kneifel im Jahr 2000 das Eingangsgespräch im Gefängnis hat, wird er nach seiner rechten Gesinnung gefragt und ob er mit Ausländern Probleme habe. Seine Antwort: „Es wäre besser, wenn ich nicht so viel mit ihnen in Kontakt komme.“ Er wird in eine Zelle mit sieben Häftlingen mit Migrationshintergrund gebracht. - Für ihn ein Glücksfall, wie er heute sagt. „Ich bin quasi gezwungen worden, mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten und habe dort auch Freunde gefunden“, sagt Johannes Kneifel. Vor dem Knast gehörte Gewalt in seinem Leben der Celler Naziszene für den heute 28-Jährigen zum Alltag. Kneifel prügelt und wird verprügelt. Als er 17 Jahre alt ist, erschlägt er zusammen mit einem anderen Neonazi in Eschede Peter Deutschmann. Dafür wird er zu fünf Jahren Haft verurteilt. - Elf Jahre später erzählt er Konfirmanden in Hermannsburg von seinen Erfahrungen und dem Weg in die rechte Szene, damit sie von ihm lernen und ihn nicht beschreiten. Als Jugendlicher kommt Kneifel das erste Mal mit Leuten in Eschede in Kontakt, die rechtes Gedankengut verbreiten. Er bekommt von Zuhause nicht viel Halt, wie er selber sagt. Die Rechten geben ihm dieses Zuhause und eine Orientierung. Gleichzeitig wenden sich andere Altersgenossen von ihm ab. Die Isolation, die die Rechten für ihre Mitglieder erreichen wollen, ist abgeschlossen. - Im Gefängnis erkennt Kneifel, das ihn d Quelle: Tore Harmening
Hermannsburg

Als Johannes Kneifel im Jahr 2000 das Eingangsgespräch im Gefängnis hat, wird er nach seiner rechten Gesinnung gefragt und ob er mit Ausländern Probleme habe. Seine Antwort: „Es wäre besser, wenn ich nicht so viel mit ihnen in Kontakt komme.“ Er wird in eine Zelle mit sieben Häftlingen mit Migrationshintergrund gebracht.

Für ihn ein Glücksfall, wie er heute sagt. „Ich bin quasi gezwungen worden, mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten und habe dort auch Freunde gefunden“, sagt Johannes Kneifel. Vor dem Knast gehörte Gewalt in seinem Leben der Celler Naziszene für den heute 28-Jährigen zum Alltag. Kneifel prügelt und wird verprügelt. Als er 17 Jahre alt ist, erschlägt er zusammen mit einem anderen Neonazi in Eschede Peter Deutschmann. Dafür wird er zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Elf Jahre später erzählt er Konfirmanden in Hermannsburg von seinen Erfahrungen und dem Weg in die rechte Szene, damit sie von ihm lernen und ihn nicht beschreiten. Als Jugendlicher kommt Kneifel das erste Mal mit Leuten in Eschede in Kontakt, die rechtes Gedankengut verbreiten. Er bekommt von Zuhause nicht viel Halt, wie er selber sagt. Die Rechten geben ihm dieses Zuhause und eine Orientierung. Gleichzeitig wenden sich andere Altersgenossen von ihm ab. Die Isolation, die die Rechten für ihre Mitglieder erreichen wollen, ist abgeschlossen.

Im Gefängnis erkennt Kneifel, das ihn dieser Weg der Gewalt und des Rassismus in den Knast gebracht hat. „Ich habe mir meine eigene Ohnmacht eingestanden. Egal wie kräftig und intelligent ich bin, ich komme alleine nicht aus diesem Leben raus“, sagt Kneifel. Er wollte nicht einen Großteil seines Lebens fremdbestimmt im Knast leben und beginnt die Suche nach etwas Neuem. Er findet zu Gott. Auf ihn vertraut er heute. „Früher hatte ich viel Wut auf ganz viele Dinge. Als ich Gott in mein Leben ließ, erlebte ich einen tiefen Frieden“, sagt er.

Heute lebt der 28-Jährige in einer Zweier-WG in der Nähe von Berlin. Er studiert evangelische Theologie und in zwei Jahren wird er wohl Pastor sein. Schon jetzt arbeitet er viel mit Jugendgruppen. „Ich habe eine zweite Chance bekommen und bin froh, dass sie mir ermöglicht wurde“, sagt er.

Die Tat und die Zeit im Gefängnis werden ihn sein Leben lang begleiten. Er hat sich damit auseinander gesetzt, ist ein reflektierter junger Mann, der „immer noch gewissermaßen schockiert darüber ist, dass ich so etwas einem anderem Menschen antun konnte“. Beim Umgang mit den Rechtsextremen rät er dazu, das Positive der Demokratie mehr in den Vordergrund zu stellen. „Ich bin damals der Propaganda erlegen, dass in diesem Staat vieles falsch läuft. Man muss die Stärken dieses Systems mehr betonen“, sagt Kneifel. Hätte er im Nationalsozialismus anders gedacht, hätte er das wohl nicht überlebt, im Hier und Jetzt konnte er aber noch einmal neu anfangen. Das Weltbild des Sozialdarwinismus mit den Deutschen als Herrenrasse, dem er als Jugendlicher gefolgt ist, hat dagegen „viel Leid verursacht. Bei meinen Opfern, bei mir und bei meiner Familie“.

Von Tore Harmening